kollektiv*tränen

Tränen & Eis die Zweite

Kalte Füße, tropfende Nasen und zitternde Ohren – das Warten in der feuchten Kälte nimmt kein Ende. Da wird das Tor endlich aufgeschoben und das Kollektiv – immer noch kollektiv verliebt, aber wieder vereint – denkt: Endlich hinein in die warme Stube!

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Doch der spleen*spielort Schaumbad ist keine Stube sondern eine Halle, und sie ist nicht beheizt, sondern eiskalt. Und zu allem Schrecken findet das Kollektiv in der Halle ein hundert Quadratmeter großes Bühnenbild-Monstrum vor, dessen Boden 10 cm hoch mit Wasser aufgefüllt ist. (Schlaue Menschen können ausrechnen, wie viel Kubikmeter Wasser das sind.)

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Wir atmen tief, hocken uns kuschelnd zueinander und beschließen Gefrierschock gegen Faszination zu tauschen. Denn was die belgische Gruppe Studio Orka &Bronks ins Schaumbad hinein installiert hat, ist atemberaubend. Wir schauen in die Welt von Julien, der in einem Waschkeller eines Mietshauses lebt und arbeitet. Julien wäscht und putzt, bügelt und legt, glättet und entfleckt die schmutzige Wäsche der schmutzigen Menschen des schmutzigen Hauses.

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Die Waschküche erinnert an die Ausstattungswelten der Filme von Jean-Pierre Jeunet („Delicatessen“, „Amelie“), detailverliebt, ausufernd und bei allem Realismus der Gegenstände eben doch eine erträumte Welt. Der reaktionäre Teil des Kollektivs schreit auf bei diesem ausufernden Überrealismus. Wo bleibt die Fantasie? Dafür ist doch der Film zuständig. Und das Theater ist nicht erfunden worden, um die Wirklichkeit abzubilden. Der romantische Teil des Kollektivs lässt sich verführen und schaut mit kindlich leuchtenden Augen den technischen Spielereien und effektvollen Raffinessen des Bühnenbildes zu.

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In dieser Traumüberrealitätswelt erzählen die Belgier eine Geschichte, in der Technik unwesentlich ist, denn es geht um Menschen und menschliche Themen: Einsamkeit, Verlust und Vorurteile. Julien entdeckt in einem Wäschekorb die schlafende Annabel, eine Obdachlose, die sich in die Waschküche geflüchtet hat.

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Nach vielen Inszenierungen, die mit Effekten, Gags, Musik und Witz-Stakkato um sich geschmissen haben als gäbe es kein Morgen mehr, die um die Gunst der Zusehenden gebuhlt haben als wäre das Festival ein Jahrmarkt, entwickelt sich Jacobsnase zu einem Kammerspiel zwischen zwei Schauspielern, die mit Blicken und Pausen, mit Atem und Zeit arbeiten. So durchlässig und zart, so verletzlich und Moment erfüllt, hat das Kollektiv niemanden bisher spielen sehen. Randi De Vlieghe & Katrien Pierlet spielen wahrhaft zusammen und es ist eine Freude, ihnen dabei zuzusehen.

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Julians Geschichte des Wäschers, der nach dem Tod seines geliebten Hundes die Waschküche 30 Jahre nicht verlässt und die Geschichte der obdachlosen Annabel, die, wo immer sie Station macht, verschwinden soll, weggehen muss, rausgeschmissen wird, berühren tief. Die Darsteller lassen uns heran an sich, an ihre Gesichter, ihre Gedanken, ihre Pausen und Empfindungen. Es menschelt zutiefst im Wäschekeller und das hat noch keine Inszenierung bisher geschafft. Bravo!

Es wundert niemanden – außer dem reaktionären Teil des Kollektivs -, dass das Kollektiv tief berührt die Eishöhle verlässt und sich manch einer Tränen von den Wangen wischen muss.

Alexander Iljitsch Besymenski

( i.V. des ITTKKS*2014)