„Ich denke jetzt vor jedem Einkauf nach.“

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Abfall, Konsum, radikale UmweltaktivistInnen. TRASHedy, ein Stück der Performing Group, beschäftigt sich mit diesen und weiteren nicht-ganz-unkomplizierten Themen. Julia Mota Carvalho, Daniel Mathéus und Martin Rascher teilten im Gespräch ihre Erfahrungen mit uns.

Was war die wichtigste Botschaft, die ihr vermitteln wolltet?

Daniel Mathéus: Es gab nicht DEN einen besonderen Punkt. Uns war es wichtig, dass wir uns als Gruppe mit dem Thema beschäftigen und wir uns von der Bühne aus mit dem Publikum verbinden können. Jeder von uns hat bestimmte Sachen für sich entdeckt, es gibt aber keine universelle Sache, die uns alle betrifft.

Julia Mota Carvalho: Wenn ich dem überhaupt noch etwas anzufügen hab, dann, dass das Publikum etwas damit anfangen kann. Ihnen vermitteln, dass es schön wäre, wenn wir als Gesellschaft ein bisschen mehr nachdenken.

Martin Rascher: Ich glaube nachdenken und allgemein sich dem Thema öffnen ist mal gut.

Im Stück wird eine Gesprächsszene eingeblendet, in der unter anderem gesagt wird, dass ihr das Publikum nicht belehren wollt – Ist euch das gelungen?

Mathéus: Klar gibt es bestimmte belehrende Aspekte, aber ich glaube, die Leute verstehen, dass das keine universellen Wahrheiten sind.

Lebt ihr selbst sehr nachhaltig?

Rascher: Wir sind alleine durch das viele Reisen nicht nachhaltig. Es haben sich Sachen geändert, aber bei jedem ist etwas Verschiedenes rausgekommen. Ich habe auf der einen Seite aufgehört Fleisch zu essen, aber auf der anderen glaube ich nicht, dass das jetzt so einen großen Unterschied macht. Zwar trenne ich meinen Müll und konsumiere weniger, dafür fliege ich mit dem Flugzeug nach Graz. Ich würde nicht sagen, dass ich sehr nachhaltig lebe, aber ich versuche bewusster damit umzugehen.

Carvalho: Ich persönlich denke jetzt vor jedem Einkauf ein bisschen nach: Hab ich das denn schon? Kann ich das noch woanders bekommen?

Mathéus: Das Hauptding ist, wie Martin schon gesagt hat, dass man nicht nachhaltig leben kann, wenn man viel reist. Und ich bin sehr viel auf Reisen, man müsste wirklich mit Einschränkungen leben. Ich kann entweder Kaffee aus Plastik- oder Pappbechern trinken, oder keinen Kaffee. Dort wo ich ihn kaufen wollte, hat man mir gesagt, ich kann meine eigene Tasse aus hygienischen Gründen nicht verwenden.

Rascher: Ich mein, guck dir das an hier! (Er hält einen Pappbecher hoch) Das ist ein Witz! Da steht auch noch „Naturesse – das Geschirr der Natur“ oben. Egal wie nachhaltig das hergestellt wurde, das ist pure Verarsche! Und was das Festival alleine schon an den Dingern verbraucht… aber die können halt wahrscheinlich auch nicht anders. Wir sind in so einem System im Moment.

Mathéus: Also wir versuchens.

In dem eingeblendeten Gespräch sprecht ihr auch von eurer umfassenden Recherche für das Stück. Was war das Schockierenste, das ihr erfahren habt?

Carvalho: Die Plastikinsel ist ein Bild, mit dem ich kaum leben kann. Es ist einfach verrückt! Ich weiß nicht ob das das Schockierenste war, aber auf jeden Fall das Beeindruckenste.

Rascher: Ich habe mich im Zuge des Stückes mit Viehhaltung beschäftigt, das war dann ultra schockierend. Kühe, die lebendig gehäutet werden – das war wirklich auf dem Level „Schock“, der auch nicht wegging. Sonst ist es so, dass man es im Prinzip weiß, aber schon ein bisschen abgestumpft ist.

Mathéus: Also am Schockierensten ist für mich, wie die Industrie uns von den Produkten distanziert und es schafft, uns zu belügen. Viele Produkte haben keine Kennzeichnungspflicht, die behaupten was sie wollen!

Rascher: Aber ich habe auch da den Eindruck: Es überrascht einen zwar ein bisschen, aber es ist nicht wirklich schockierend.

Mathéus: Naja, es ist schockierend, weil sowas zu hören dazu führt, die Hoffnung aufzugeben.

Was war mit der „Kill Yourself“-Szene gemeint?

Carvalho: Das kann Daniel am besten beantworten, denn das ist sein Baby.

Mathéus: Wir haben im Prozess die Entdeckung gemacht, dass wir sehr unterschiedliche Meinungen haben und dass diese auf der ganzen Welt noch extremer unterschiedlich sind. Einerseits die Leute, die große Hoffnungen haben und viel verändern wollen. Andererseits gibt es sehr fatalistische Einstellungen. Menschen, die meinen „Wir können ehrlich gesagt nichts tun, die Welt wird sich schon erholen. Und wenn wir wirklich was tun wollen, dann müssen wir die gesamte Menschheit ausrotten.“  Das haben wir versucht in eine kurze Szene zu packen.

Carvalho: Und um diese beiden Systeme überspitzt darzustellen.

Um noch einmal auf das eingeblendete Gespräch zurückzukommen, ist das wirklich im Vorfeld des Stückes entstanden?

Carvalho: Die sind echt im Probeprozess entstanden. Das Original ist mit Daniel und Leandro, was ihr gestern gehört habt ist schon ein Remake.

Mathéus: Genau, die Originalversion ist auf Englisch. Damals wussten wir noch nicht ob wir es verwenden, aber wir dachten „Vielleicht ist da was zu kriegen!“. Und dann haben wir es eins zu eins ins Stück genommen.

Rascher: Eigentlich war die Aufnahme eine halbe Stunde lang, das haben wir gekürzt. Aber auch der Moment, wenn Leandro sagt: „He – meinst du, das ist voll langweilig dem zuzuhören, wenn wir das später verwenden?“, das ist alles echt.

Mathéus: Jetzt haben wir es natürlich mehrere Male reproduziert. Leandro und ich, dann auf Deutsch nochmal, dann Julia und Leandro und jetzt Julia und ich. Es gibt einige. Als Profi würde ich behaupten, man hört, dass die Jetzige nicht echt ist.

Carvalho: Auf jeden Fall war das im Konzept nicht eingeplant.

Das Gespräch führte Melanie Jaindl.