“Man ist miteinander verbunden.”

Kurz vor 11.00 Uhr Vormittag. Reimar de la Chevallerie von der Theatergruppe “boat people projekt” sitzt vor mir, im Speisesaal des Spleen-Zentrums. Um uns wird bereits das Mittagessen vorbereitet. Reimar ist eigentlich für die um 11.00 Uhr stattfindende Diskussionsrunde hier, dennoch hat er sich Zeit genommen, dem Spleen-Dossier einige Fragen rund um ihr Ausnahmeprojekt zu beantworten.

Wie kam es zum Projekt “boat people”?

2009 haben wir uns gegründet. Damals kam die erste große Welle der Lampedusa-Flüchtlinge. Deswegen auch dieser Name – “boat people projekt”. Obwohl mittlerweile passt er nicht mehr ganz – wir müssten ihn eigentlich ändern.

Ihr behandelt ja ein sehr kontroverses Thema. Wie fallen die Rückmeldungen des Publikums aus?

Es gab schon viele Theaterleute, die mit der Thematik gearbeitet haben, aber nicht so wie jetzt. Das Publikum ist leider immer auf unserer Seite. Du gehst ja zu Sachen, die dich interessieren und denen du positiv gegenüberstehst. Daher bekommen wir wenig negative Rückmeldungen, ein E-Mail vielleicht hin und wieder. Eigentlich wollen wir aber auch mehr in den Raum gehen, politisch. Generell machen wir Theater mit Profis und mit Laien, dadurch bekommen wir auch sehr gemischtes Publikum. Wir wollen den Leuten auch neue Dinge zeigen, zu denen sie keinen Kontext haben und wo sie froh sind, einen Kontakt zu diesen Bereichen bekommen.

Gibt es schon Pläne, wie ihr neue Kontroversen aufwerfen werdet?

Unser aktuelles Projekt heißt “Eine Stadt verändert sich”. Was in der ganzen Flüchtlingsdebatte verloren geht, ist, dass 20.000 Roma abgeschoben werden. Das sind auch Roma-Familien, die teils seit 15 Jahren in Deutschland gelebt haben. Die Deutschen sind gerade so in ihrem Gutsein, dass sie übersehen, dass sie Schicksale schaffen. Das behandeln wir in unserem aktuellen Stück. Es gibt auch Demos, bei denen wir mitmachen und wir unterstützen ein Kirchenasyl. Wir sind also auch so aktiv.

Ihr arbeitet in euren Stücken ja mit Flüchtlingen. Wie stellt ihr den Kontakt her?

Einfach hingehen. Ansprechen. Wir bekommen jetzt Anrufe von Stadttheatern, die uns fragen, ob sie sich von uns Flüchtlinge borgen können. Wenn du mit Flüchtlingen arbeitest, generell mit Menschen arbeitest, trägst du eine große Verantwortung. Diese Verantwortung ist nicht mit dem Ende der Aufführung vorbei. Du unterstützt diese Menschen dann auch noch weiter. Man ist miteinander verbunden. Viele große Theater können sich das nicht leisten.

Wie steht ihr dem ganzen momentanen Hype über Refugees gegenüber?

Erstmals gut. Es kann aber für einen Flüchtenden sehr anstrengend sein, dass er theaterspielen und Sport machen muss. Das Verfügen über Flüchtlinge (zB im Kulturbereich) ist momentan extrem.

Euer Stück hier bei Spleen ist von der Thematik her anders als eure anderen Stücke.

Ja, wir haben beschlossen Stücke nicht nur über Flucht zu machen. Obwohl es auch bei “Steh deinen Mann” im weitesten Sinne um Flucht geht, ums Anderssein, um Randgruppen. Wir sind eine Fünfer-Konstellation und jeder hat auch seine eigenen Projekte. Ich wurde auf diese Thematik durch ein Merkel Transparent aufmerksam, auf dem stand: “Sei wie du bist”. Das war eine Aktion gegen Homophobie (im Fußball). Danach habe ich zu diesem Thema recherchiert und auch mit Marcus Urban gesprochen.

Das Gespräch führte Stefanie Burger.

 

“Steh deinen Mann” könnt ihr euch übrigens noch am Sonntag, um 15.00 Uhr und am Montag, um 14.00 Uhr im allgemeinen Turnverein Graz, Kastellfeldgasse 8 ansehen.