Archiv für den Monat: Februar 2016

Über Frieden reden und Krieg führen

Als Erich Kästner in den späten neunzehnvierziger Jahren zu Stift und Papier griff, um seinen  Roman Konferenz der Tiere zu schreiben, hing in Deutschland ein Gefühl der Hoffnung in der Luft. ,,Nie wieder Krieg”, schrie man in die Welt hinaus und für viele Jahrzehnte dienten diese Worte als friedsamer Schlachtruf einer Nation. Kästners Werk, in dem er für junges Publikum über das politische Scheitern der Menschen schreibt, wurde lange Zeit als Mahnmal herangezogen – doch dieser Klassiker der Literatur ist aktueller den je.

Wenn im Mittelmeer Menschen ertrinken und Grenzen plötzlich wieder greifbar werden, dann ist es an der Zeit, sich einzugestehen, dass die Welt wie wir sie kennen Stück für Stück aus den Fugen gerät. Krieg ist kein vager Begriff mehr, der sich am anderen Ende des Erdballes abspielt. Vielmehr sind die Ausmaße deutlich spürbar und ziehen große Kreise. Durch unvorstellbare Ereignisse im eigenen Heimatland traumatisiert, erreichen dieser Tage zahlreiche Geflohene Europa, Österreich, Graz. Schon längst ist die Auseinandersetzung mit dem Thema in unserer Mitte angekommen und ein Teil unseres Alltags geworden. Egal ob an der Grenze in Spielfeld, im Flüchtlingsheim oder in belauschten Gesprächen in der Straßenbahn – die Herausforderung, vor der wir stehen, legt sich wie ein Schleier um unsere Köpfe und verwehrt uns eine klare Sicht auf den Stand der Dinge. Inmitten dieser turbulenten Zeit, in der schlechte Nachrichten an der Tagesordnung stehen, macht es durchaus Sinn, sich die Angelegenheit aus einer anderen Perspektive anzusehen. Wie beispielsweise in der Grazer Theaterwelt, in der momentan versucht wird, auf kreative Art und Weise damit umzugehen.

Wenn also eine Gruppe von tierischen Superhelden antritt, um dem Leid, das sich die Menschen gegenseitig zufügen, Einhalt zu gebieten, dann kann man Kästners träumerische Gestaltung eines besseren Miteinanders als ein Appell an alle Kinder dieser Welt lesen, aus den Fehlern ihrer Vorgänger zu lernen. „Es geht um die Kinder“ war schließlich der Leitspruch, unter dem die Tiere auf die fehlende Fürsorge der Menschen aufmerksam machten. Und während die Tiere in Kästners Roman eine Lösung für ihre Probleme gefunden haben, sollten wir uns fragen, ob wir das auch werden.

Ein Text von Katrin Fischer.

Gemeinsam ins Gespräch kommen – der Fragentisch

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Weil das kritische Hinterfragen von Inhalten immer eine gute Idee ist und uns schon von Kindesbeinen an beigebracht wird, dass es keine dummen Fragen gibt, hat sich spleen*graz dieses Jahr etwas ganz Besonderes ausgedacht.  Die Besucher des Festivals haben die Gelegenheit,  abseits von konventioneller Theaterkritik, ihre Fragen zu stellen – ganz frei und ganz ehrlich. Rede und Antwort steht natürlich niemand Geringeres, als die Theatermacher selbst.

Wichtig ist, dass man nie aufhört zu fragen.“ Das hat zumindest schon Einstein gesagt und bekanntermaßen sind seine Zitate gute Eisbrecher. Warum also nicht an die Tradition des großen Denkers anknüpfen und einfach mal drauf los fragen? Fragen sind allgegenwärtig. Egal ob die Frage nach der Butter beim Frühstückstisch oder die Frage was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält – die Fragerei ist ein fixer Bestandteil unseres Alltags geworden und das ist auch gut so.

Bezogen auf die Theaterwelt ist es ein altbekanntes Ärgernis: Zu oft bleiben wir nach einer Vorstellung mit einem Fragezeichen im Gesicht zurück und sehnen uns nach einer Möglichkeit, über das Gesehene in einem größeren Kreis zu sprechen. Getrieben von Neugier und dem quälenden Gefühl im Bauch, dass noch nicht alles ausgesprochen wurde, was gesagt werden soll, liegt man wach und lässt die Gedanken noch für lange Zeit kreisen. Um das zu verhindern und dem Chaos im Kopf entgegenzuwirken ist es dem ,,Institut für angewandtes Fragen” ein Anliegen, den Gästen eine Plattform zu bieten, auf der Sie gemeinsam und nicht alleine, nach Antworten suchen können.

Jetzt sind Sie gefordert sich Ihre eigene Meinung zu bilden. Begeben Sie sich also mit reichlich Fragen im Gepäck auf die Suche nach Enthüllung und Erklärung, denn eines ist sicher: Jedem von uns liegt  doch eine Frage auf den Lippen, die nur darauf wartet gestellt zu werden, oder?

Text von Katrin Fischer.

 

Und nach folgenden Vorstellungen steht unser Fragetisch bereit:

Freitag, 5.2.

12 Uhr, Ein Bodybild, TaO!

19.30 Uhr, Bambi, TTZ

Samstag, 6.2.

18 Uhr, Steh deinen Mann, Umkleidekabine der ATG

Sonntag, 7.2.

16 Uhr, Fucking Life, Orpheum

19.30 Uhr, Trashedy, Schauspielhaus, Haus Zwei

Montag, 8.2.

18 Uhr, Rau, TTZ

Theater am Land – Das „junge“ Theater nicht aussterben lassen

“Ein Wunsch von mir ist, dass man das Land nicht ausdünnt.” Das Land nicht ausdünnt, das Theater für junge Zuschauer am Land nicht aussterben lassen. Ausgesprochen wurde dieser Wunsch von Angela Buschenreiter bei der Besprechung über die Zukunft des Theaters am Land im CCW Stainach. Dieser Wunsch ist das Anliegen aller hier Anwesenden.

Passend, dass die elf Person aus dem Bereich Kinder- und Jugendtheater und aus dem Bildungssektor sich auf einer Bühne einfinden. Immerhin geht es um das weitere Vorgehen rund ums Thema Jugendtheater am Land. Zu den elf zählen Anna Frizberg, Martina Schaupensteiner, Alexander Buschenreiter, Ursula Mandl, Birgit Bischof-Gaig, Herta Mandl, Verena Kiegerl, Angela Buschenreiter, Helmut Günther, Alfred Windel und Manfred Weissensteiner. Heute gilt es vor allem, die Lage zu sondieren. Sehen, wo die gemeinsamen Interessen liegen, Probleme herauszuarbeiten und gemeinsame Ziele und Lösungsansätze zu definieren.

“Wir merken es in Graz sehr stark, dass eigentlich das Interesse sehr groß ist, etwas am Land zu machen”, beginnt Manfred Weissensteiner. Es ginge zunächst darum, Möglichkeiten zu schaffen. “Es wäre sinnvoll zu überlegen, welche Synergien es gibt, damit sich eine Dynamik entwickelt.“ Angebote schaffen ja. Hier gibt es zunächst das Problem, wie man die Jugendlichen mobilisieren könnte. “Wenn die Eltern nicht mit den Kindern hierher kommen, kommen sie (die Kinder) nicht”, meint Helmut Günther vom CCW dazu. Er habe bereits mehrere Projekte durchgeführt. Auch in Kooperation mit Lehrern versucht man ein Nachmittagsprogramm für Schüler zu gestalten. Die Schüler konnten so im Rahmen der Nachmittagsbetreuung das Theaterzentrum aufsuchen. Auch das Projekt direkt an die Schulen mit Einmannstücken zu gehen, habe es gegeben. Das lief jedoch nur ein Jahr, da das Interesse daran im nächsten nicht mehr vorhanden war. “Es ist klar, dass Schüler nach einem ganzen Tag in der Schule nicht wieder in einem Schulprojekt sitzen wollen”, meint Verena Kiegerl zur Nachmittagsbetreuung.

Ein wichtiger Punkt wäre es, einerseits den Schülern klar zu machen, welche Angebote es gibt und zwar in gesammelter Weise – also einen Überblick zu schaffen und klar zu stellen, wie sie dorthin kommen können. Der nächste Schritt sei es, ihnen die Berührungsängste zu nehmen. “Alles geht über die Beziehungsarbeit. Was würde passieren, wenn man den Kindern die Möglichkeit gibt, zwei Mal die Woche an Theaterkursen im CCW teilzunehmen?”, so Kiegerl.

Ein weiteres Problem wäre das der fehlenden Mobilität. So würden die letzen Züge schon relativ früh fahren und die Verkehrsverbindungen relativ schlecht sein. Eine Idee wäre diese Wartezeiten sinnvoll mit Workshopangeboten zu füllen. Manfred Weissensteiner erinnert an das Theater im Bahnhof, das auch als Projekt im Jugendwarteraum begonnen hatte. Es wäre also zu überprüfen, ob tatsächlich die schlechte Verkehrsanbindung an der mangelnden Teilnahme an den Veranstaltungen schuld sei. “Wenn Jugendliche etwas wirklich wollen, kommen sie überall hin”, meint Verena Kiegerl.

Der nächste große Punkt sei mangelndes Interesse. “Wir haben versucht einmal etwas mit Schülern zu machen, das hat aber aufgrund von mangelndem Interesse nicht funktioniert”, erinnert sich Alfred Windel. Hier halten vor allem die anwesenden Lehrerinnen dagegen: “Die Schüler fragen dann schon, ob ihr (das TaO) heuer wieder kommt.” Es sei bei Theaterstücken jedoch generell schwierig ein passendes für eine Schulklasse zu finden, das weder zu anspruchslos noch zu abstrakt sei.

Alle sind sich einig, dass einer der wichtigsten Faktoren Beziehungen seien. Wenn engagierte Lehrer und Lehrerinnen bei einem Projekt beteiligt seien, würden sich die Schüler auch mehr für die Projekte begeistern. Gute Kontakte seien also sehr wichtig. “Überall wo etwas funktioniert, ist es an Leute gebunden”, so Verena Kiegerl.

Nicht zuletzt wurde auch das Problem der Landflucht genannt. So würden die Schüler zwar das Theater am Land kennen lernen, danach aber in die Stadt ziehen und so als potentielle Zuschauer wegfallen. “Eine Idee ist es auch einfach ein Zuckerl für die Schüler einzubauen. Wir haben zum Beispiel Hip-Hop Kurse angeboten.”, auf diese Art und Weise haben Angela und Alexander Buschenreiter Jugendliche ebenfalls über den Tanz zum Theater gebracht und letztendlich für dieses begeistert.

Der Wille und die Ideen, das Theater für Kinder- und Jugendliche also tatsächlich am Leben zu erhalten und auch neuen Lebensgeist einzuhauchen sind also reichlich vorhanden. Weitere Gespräche in Stainach werden folgen.

Ein Text von Stefanie Burger.

Teilnehmer am Dialog:

Manfred Weissensteiner, künstlerischer Leiter von TaO! und vom Jugendprogramm von spleen*graz//Anna-Katerina Frizberg, Geschäftsführung TaO! und künstlerische Leitung des Programmes spleen*trieb//Helmut Günther, CCW Stainach//Verena Kiegerl, Regiesseurin und Theaterpädagogin//Regionaljugendmanagement: Mag.a Tina Schaupensteiner//Angela und Alexander Buschenreiter vom Verein impulsaussee //Ursula Mandl (BE/Deutsch an der nms Irdning)//Prof. Mag. Birgit Bischof-Gaig, Theatercoach vom Bundesministerium und Lehrerin am Gymnasium Stainach//OStR. Mag. Dr. Herta Mandl-Neumann, Fachkoordinatoren Deutsch//Alfred Windel – Obmann Theatergruppe Stainach

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Von der Suche nach Fragen und dem Finden von Antworten

Das Institut für angewandtes Fragen hat heute vormittag fröhlich seine Arbeit aufgenommen und bastelt derzeit munter an der ersten Ausgabe unseres täglichen spleen*dossier mit Hintergrundberichten, Essays und schlauen Textspielereien zu den eingeladen Produktionen und ihren Themen. Erste Textbeiträge gibt es auch schon im Festivalzentrum zu lesen:
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Und ab heute Abend – pünktlich zur Eröffnungsparty im spleen*hotspot – gibt es die erste Ausgabe dann auch im Print.

Wir freuen uns auf eifrige Leser und Fragensteller!