Bernd und Gerti sitzen bei einem Kaffee und lachen

Ein Tag – Viel Theater

Gerti ist Sommelière und arbeitet in einer Vinothek, mit Theater hat sie eher wenige Berührungspunkte. Bernd hat Kunstgeschichte studiert und arbeitete lange Zeit als Theaterkritiker. Am dritten Tag des spleen*graz besuchen sie das Festival als Tandem und sehen sich humorvolle, experimentelle, aber auch sehr berührende Stücke an.

Das erste Stück des Tages trägt den klangvollen Titel „Onbekend Land“ und wird im Kristallwerk aufgeführt. Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in dem titelgebenden unbekannten Land ankommt und dort auf Sprachbarrieren und andere Hindernisse trifft. Auf einer abstrakten Ebene thematisiert „Onbekend Land“ somit die Erlebnisse von Flüchtlingen und deren Ankunft in einem fremden Teil der Welt. Dabei wird dem Publikum die Thematik zu keinem Zeitpunkt auf die Nase gebunden, das unbekannte Land erzählt seine Geschichte sehr subtil. Zudem überzeugt es die Zusehenden mit epochaler Live-Musik und tollen Lichteffekten. Auch Gerti, die diese Aufführung noch ohne Bernd besucht, der erst bei der zweiten Vorführung zu ihr stoßen kann, zeigt sich ebenso wie der Rest des Publikums begeistert: „Die Musik hat mich fasziniert“.

Erinnerungen in der Box

Als Gerti im Theater am Ortweinplatz ankommt, wo sie das nächste Stück „Museum of Memories“ besucht, trifft sie nun erstmals auf Tandempartner Bernd, der gerade in Graz eingetroffen ist. Zeit für ein kleines Kennenlerngespräch bleibt ihnen aber nicht wirklich, denn schon beginnt die Vorführung. Gemeinsam mit den anderen Zusehern sitzen die beiden in einer großen Box. In dieser erzählen die Schauspieler, auf engstem Raum, eine berührende Geschichte über die Erinnerungen, die mehrere Menschen an einen jungen Mann haben, der sich das Leben genommen hat. Sein Bruder erinnert sich an das gemeinsame Fußballspielen, die Nachbarin hat ihn als aufgeweckten Buben im Kopf, der gerne ihre Muffins gegessen hat. Obwohl das Thema von „Museum of Memories“ sehr ernst ist, sind die einzelnen Erinnerungen meist humorvoll erzählt, ohne dabei jemals in Klamauk oder Blödelei auszuarten. Durch die Intimität, die in der Box zwischen Darstellern und Publikum erzeugt wird, und die unglaubliche Energie mit der die Schauspieler ihre Rollen verkörpern, geht einem das Geschehen in einigen Szenen sehr nahe. Gegen Ende fließen bei manchem erwachsenen Zuseher Tränen. „Museum of Memories“ ist ein Stück das, vor allem auf emotionaler Ebene, Wirkung zeigt. „Man war einfach mitten drinnen im Geschehen und hat das Stück auch emotional stark gespürt“, findet Gerti. „Das ist ein direktes, emotionales Spiel, das ein sehr ernstes Thema behandelt, aber das auf eine Art macht, die einen sehr ergreift und traurig macht. Aber man geht trotzdem raus mit einem Gefühl von Leichtigkeit“, resümiert Bernd.

Gerti und Bernd stöbern in der Gallerie von "Museum of Memories"

Nach der Vorstellung verwandelt sich die Box in eine Galerie, in der das Publikum in Errinerungen stöbern kann – Foto: Julian Bernögger

Bananen aus dem IPad

Während sich das Tandem aufmacht, um sich in der Festivalzentrale beim Mittagessen zu stärken, erzählt Bernd von seiner Tätigkeit als Theaterkritiker und wie man zu diesem Beruf kommt, im Gegenzug berichtet Gerti von ihrer Arbeit und dem Leben in der Südsteiermark. Die Beiden verstehen sich gut, sind sich auf Anhieb sympathisch. Nach dem Essen und einer verdienten Pause, startet der Nachmittag mit der dritten Vorstellung des Tages im Knopftheater des Kindermuseums FRida&freD. „Aipet“, richtet sich, im Gegensatz zu den vorherigen Vorstellungen, vorrangig an ein junges Publikum. Zwei Darsteller vermischen klassischen Slapstick mit moderner Technologie, beispielsweise wird eine Banane aus dem titelgebenden IPad gezaubert und eine virtuelles Ping-Pong Match gespielt. Dem jungen Publikum gefällt „Aipet“, ein gewisser Charme ist dem Stück nicht abzusprechen. Auf dem Weg zurück in die Festivalzentrale, wo es mit Stück Nummer Vier weitergeht, diskutieren Bernd und Gerti noch darüber, ob sich hinter dem Klamauk von „Aipet“ eine Geschichte über Freundschaft verbirgt, oder ob es sich um bloße Unterhaltung handelt. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Ein mystischer Unterwasserspaziergang

Richtig schlau werden Gerti und Bernd auch aus der nächsten Vorstellung nicht, aber das macht nichts, denn die spleen*trieb Vorführung „Abtauchen“ entführt das Publikum in eine mystische Unterwasserwelt mitten in Gries. Ausgestattet mit Warnwesten macht sich das Tandem auf den Weg. „Abtauchen“ ist ein Theater, das in Form eines Spazierganges entlang der Elisabethinergasse stattfindet. Das Publikum wird von wunderschön singenden Darstellerinnen von einer Station zur nächsten geführt, wobei an jedem Halt ein Teil der Geschichte erzählt wird. Das Einsetzen der Dunkelheit, die tanzenden Akteurinnen, die den Weg begleiten, sowie die als Fischer verkleideten Erzähler, sorgen dafür, dass „Abtauchen“, den Zuseher in seinen Bann zieht. Selbst Passanten und Autofahrer können sich der magischen Atmosphäre, die das Stück erzeugt, nicht entziehen. Auch Theaterkritiker Bernd zeigt sich von „Abtauchen“ begeistert: „Das Stück hat mich sehr bewegt, zum einen aufgrund der Texte, die die jungen Erwachsenen selbst geschrieben haben und zum anderen aufgrund der ganzen performativen Inszenierung dieser Nachtwanderung.“

Für den Spaziergang "Abtauchen" erhält das Publikum Warnwesten

Für “Abtauchen” wird das Publikum mit Warnwesten ausgestattet – Foto: Julian Bernögger

Vor der letzten Aufführung geht es noch einmal zurück in die Festivalzentrale, Gerti und Bernd müssen sich nach dem kalten Spaziergang ein klein wenig aufwärmen. Außerdem wird beim Abendessen über den bisherigen Tag resümiert: „Normalerweise gehe ich wo hin und sehe mir ein Stück an, dann beschäftige mich damit. Heute war das schon recht viel, aber es war für mich sehr positiv das mal zu erleben“, sagt Gerti. Enttäuscht sind die beiden lediglich davon, dass es kein eigenes Theater der Veranstalter gibt: „Eigentlich wäre es wichtig, dass sich die Gastgeber präsentieren und eine eigene Arbeit zeigen und ich glaube man verbaut sich da etwas, wenn man darauf verzichtet.“, sagt Bernd.

Männer und die Mafia

Zum Abschluss des Tages besuchen Bernd und Gerti „Die Paten“ im Schauspielhaus. Die Protagonisten Frank und Alper sind begeisterte Fans des Films „Der Pate“. In dem Theaterstück diskutieren die beiden, anhand von Beispielen aus dem Film, über Vorbilder und die Rolle des Mannes in der Familie, über Berufswünsche und Zukunftsaussichten und darüber, wie der Pate als Remake in Berlin aussehen würde. Die Geschichte rund um den Schüler und den Theaterproduzenten unterhält mit sehr vielen Anspielungen auf den Film und einer tollen Performance der Schauspieler, sowie einem ordentliche Schuss Humor, ohne dabei verkrampft auf lustig zu machen. Auch dem Tandem gefällt das Stück, Bernd war vor allem von der Darstellung der verschiedenen Charaktere und der Aufmachung des Stückes anhand von Szenen aus dem Film beeindruckt.

Das Experiment Tandem geht auch am dritten Festivaltag voll auf. Das Duo Gerti und Bernd passt, trotz unterschiedlicher Theatererfahrung, gut zusammen und auch die Stücke gefallen den beiden durch die Bank. Das unbestrittene Highlight des Tages ist dabei ganz klar „Museum of Memories“: „Es waren alle Stücke sehr gut, aber im Großen und Ganzen hatte Museum of Memories die stärkste emotionale Wirkung auf mich“, resümiert Gerti den Tag. Nach elf Stunden, fünf besuchten Vorstellungen und einem tollen Tag beim spleen*graz, verabschieden sich Gerti und Bernd voneinander, man ist sich einig, dass es ein toller Festivaltag war.

Verschieden Karten auf einem Festivalprogramm

Fünf Vorstellungen in elf Stunden – Foto: Julian Bernögger

Über Julian Bernögger

Journalismus Student in Graz. Recherchearbeit und so Sachen... Schaut dass er immer da ist wo sich was tut, was aber viel zu selten gelingt. Experte im Experimentieren Twitter: @JulesTheJokur