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Über Ludmilla Reisinger

Gebürtige Laufnitzdorferin mit Hang zum spätnächtlichen Jonglieren mit Worten und Expertin für nerdige Fragen vom klassischen Harry Potter bis hin zu Marvel. Nur allzu oft - zu literarischen Zwecken natürlich - in Kaffeehäusern zu finden.

Frühstück im Auschlössl

Tandem Nummer 4 – ein Stück in 4 Aufzügen

Johanna ist Altbäuerin und hat – neben ihren vielen Theaterbesuchen – zwei Bücher verfasst. Gudrun hat gerade erst einen Hof in der Oststeiermark geerbt, ist also sozusagen Jungbäuerin und außerdem Teil des Theaterkollektivs Rabtaldirndl. Was die beiden vereint ist nicht nur, dass sie in jeder erdenklichen Situation über Ackerflächen, Vieh und Schwiegermütter sprechen können, sondern auch, dass sie gemeinsam das vierte Tandem am spleen*graz gebildet haben.

10:00 Uhr – Prolog

Im Auschlösserl – das doch eigentlich gar kein Schlösserl ist, wie Johanna irgendwann sagt – sieht das Tandem einander bei Kaffee und Croissants zum ersten Mal. Nachdem man sich die Hände geschüttelt und auf das Du geeinigt hat, gibt es eine kurze Vorstellrunde. Ein gemeinsames Thema finden Johanna und Gudrun trotz generation gap schnell: Die technologischen Veränderungen und „wie klein doch die Welt geworden ist.” Es folgt der Plan für den Tag und dann zockeln die beiden schon los. Ziel: Frida&Fred, der Auftakt zu einem Tag in vier Aufzügen.

11:00 Uhr – 1. Aufzug: Die Slapstick-Zaubershow

Inmitten des schwarzen Raumes leuchtet der weiße Wandschirm regelrecht. Im Publikum herrscht noch Unruhe, Kinder sitzen auf den Plätzen der Erwachsenen und müssen erst sanft nach vorne geschoben werden, als der Mann im Anzug und roten Karosocken die Bühne betritt. Vor seinem Gesicht ein Ipad, auf dem ein riesiger Mund zu sehen ist. „Herzlich Willkommen”, sagt er und was dann beginnen abgedrehte 40 Minuten zwischen Zaubertricks, verrückt spielender Technik und jede Menge Humor, der auch ganz ohne Worte funktioniert.

„Aaipet” nennt sich dieses Stück des niederländischen Duos „Bontehond”, das im Frida&Fred Knopftheater das kleine Publikum begeistert. „Was man mit der Technik alles machen kann”, urteilt auch Johanna beeindruckt, während „Bontehond” das Publikum verabschiedet und Gudrun schließt sich dem an. Einfach und doch immer lustig, urteilt sie über die Verfolgungsjagden auf der Bühne und die Grimassen, mit denen die Schausteller die Kinder zum Lachen brachten.

Beim Mittagessen lassen die beiden das erste Stück Revue passieren – Foto: Ludmilla Reisinger

Mittagessen: Eine gute Gelegenheit das erste Stück Revue passieren zu lassen. – Foto: Ludmilla Reisinger

14:00 Uhr – 2. Aufzug: Was wirklich wesentlich ist

Zwanzig Menschen um einen wuchtigen Holztisch, der einsam in einem Lichtkegel inmitten des dunklen Raumes steht. Auf dem Tisch 20 Lautsprecher, wobei erst einmal herausgefunden werden muss, wem in der Gruppe welches gehört. (Tipp: Wenn man die Hörer herauszieht, flüstern sie einem eine Nummer entgegen, die sich eventuell mit der auf dem eigenen Namensschildchen decken könnte!), wenn endlich alle sitzen, geht sie los, „Die Konferenz der wesentlichen Dinge”.

Was macht ein Kind zum Kind, was einen Erwachsenen zum Erwachsenen? Im TaO! versucht die Konferenz, diese Fragen zu lösen und dass ihre Teilnehmer nebenher mit Kuchen versorgt werden, ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt. „Interessant”, sagt Johanna hinterher, aber anstrengend fügt sie hinzu, denn durch die Hörer habe sie kaum etwas verstehen können. Das ungewöhnliche Setting des Stücks versieht das Tandem mit Lob, doch ob das Stück einlöst, was es verspricht – die althergebrachten Rollenbilder Kind und Erwachsener durcheinander zu bringen – da sind sich Gudrun und Johanna nicht sicher.

„Die Konferenz der wesentlichen Dinge” kann das Tandem trotz Interaktivität nicht ganz überzeugen. – Foto: Ludmilla Reisinger

„Die Konferenz der wesentlichen Dinge” kann das Tandem trotz Interaktivität nicht ganz überzeugen. – Foto: Ludmilla Reisinger

17:00 Uhr – 3. Aufzug: Wie man zu dritt ein Maoam isst

Auf der Probebühne des Schauspielhauses hat jemand reihenweise Umzugskisten aufgestapelt und trügerische Ruhe breitet sich über die leere Bühne aus – als sich plötzlich eine der Kisten zu regen beginnt. Dann noch eine, dann noch eine und schließlich stehen drei farbenfroh gekleidete, junge Männer vor dem Publikum, die in der folgenden Stunde einiges übers Teilen und die Freundschaft lernen werden: Unter anderem, dass ein Kartonmonster nur Karton und keine Bananen frisst und dass es dringend umarmt werden will, wenn es auf dich zu stürmt. Oder dass es nichts bringt, sich hinter einem Mauer aus Karton zu verschanzen: Am Ende ist Teilen doch viel schöner.

„Ein Stück teilen” hat die „Kompanie Freispiel” dieses Theater rund um zerschnittene Geldscheine, zersägte Tische und auseinander geschraubte Stühle genannt. Was man nicht alles teilen kann! „Wahnsinn, was die sich einfallen lassen”, meint Johanna am Ende, doch  mehr gibt es nicht zu hören, denn das Tandem ist schon ein wenig müde, überflutet von all den Eindrücken. Erst auf dem Weg nach draußen dann kommt Gudrun auf das Stück zurück, genauer gesagt auf das improvisierte Bühnenbild aus Umzugskartons. „Aus der Not entsteht etwas Cooles”, wie sie es formuliert und erzählt, dass sie selbst auch einmal mit Karton gearbeitet hat. Später rätseln die beiden noch über den Ursprung des Stücks. Ob die Darsteller wohl wie Kinder einfach ausprobiert haben, was man alles auseinanderschneiden kann? „Der einzige Unterschied ist, dass Kinder das nicht auf die Bühne bringen”, sagt Gudrun als das Tandem beinahe die Festivalzentrale erreicht hat. Damit hat sie es wohl auf den Punkt gebracht.

Einen Moment ruhen sich Gudrun und Johanna aus, dann geht es los mit “Ein Stück teilen” – Ludmilla Reisinger

Bevor es mit “Ein Stück teilen”  losgeht, ruht sich das Tandem kurzerhand auf der Treppe aus. – Ludmilla Reisinger

20:00 – Letzter Aufzug: Pas de quatre

Auf der Bühne im Kristallwerk herrscht gähnende Leere, auf dem weißen Boden keine einzige Requisite – bis ein junger Mann in Unterhosen herein trippelt, eine Mikrowelle an die Brust gepresst. Ihm folgen drei weitere Schauspieler, die unterschiedlichste Utensilien schleppen, so dass aus der Bühne eine Art Wohnung wird. Einen Moment lang sitzen sie danach alle vier auf der improvisierten Couch, atmen durch, dann macht die Mikrowelle „Pling” und es beginnt eine wilde Tanzvorstellung, die in einer regelrechten Materialschlacht endet. Schaumstoffe, Farbe, Styropor, Puder und mit einem Mal ist der weiße Boden gar nicht mehr so leer.

Die Performance mit dem klingenden Namen „Pink for Girls, Blue for Boys”  bricht mit den gängigen Geschlechterrollen und geht dabei über Grenzen. Das ist nicht für jeden das Richtige. Johanna meint nur, sie habe das nicht ganz verstanden und ist froh, als Gudrun zugibt, dass sie auch nicht weiß, was das Ende zu bedeuten hatte. Die beiden einigen sich darauf, dass es eben „ein freies Stück” war. “Und wie viel Körperbeherrschung diese Tänzer haben”, sagt Johanna noch, dann steht das Tandem ein letztes Mal für diesen Tag aus dem Theatersitz auf.

Faszination und fast ein wenig Befremdem beim letzten Stück “Pink for Girls and Blue for Boys” – Foto: Ludmilla Reisinger

Faszination und fast ein wenig Befremdem beim letzten Stück “Pink for Girls and Blue for Boys” – Foto: Ludmilla Reisinger

21:30 – Epilog

„Heute Nacht werden wir gut schlafen”, resümiert Gudrun den langen Festivaltag. Aber schön, dass sie beim Tandem mitgemacht habe, fügt sie hinzu, sonst wäre sie womöglich gar nicht dazu gekommen, dass spleen*graz zu besuchen. Johanna formuliert es noch kürzer: „Es war super, da gibt’s nix”, meint sie, ehe sie und Gudrun sich verabschieden. Für den Fall, dass Gudrun einmal in Johannas Nähe ein Theater aufführt, haben die beiden übrigens schon Kontaktdaten ausgetauscht. Und zum Abschluss des Theatermarathons darf eine darf eine freundschaftliche Umarmung natürlich auch nicht fehlen, ehe das Tandem wieder getrennte Wege geht.