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spleen*tandem

Wenn das Besondere im Alltäglichen sichtbar wird

Gehen ein Psychologe, eine Schauspielerin und eine Volksschülerin ins Theater. Was wie der Anfang eines Witzes klingt, war das fünfte und letzte spleen*tandem, das eigentlich ein Tridem war. Ein Tag voller Kunst, Kultur und Überraschungen.

Das heutige Tandem ist anders. Denn es handelt sich dabei im Grunde um drei Personen, die sich vor dem Festival bereits kannten. Herwig Thelen ist Psychologe und Musiker aus Graz, mit dabei ist seine Freundin Juliette Eröd und seine Tochter Emilia. Juliette ist Schauspielerin, Moderatorin und Rote-Nasen-Clowndoktorin, Emilia ist sieben und geht in die zweite Klasse Volksschule. Drei Personen, die sich sehr nahe stehen, und doch sehr verschieden sind.

spleen tandem

Herwig, Emilia und Juliette vor dem FRida & freD – Foto: Julian Strassegger

Der Festival-Tag beginnt für die drei mit der slowenischen Produktion ,,Das kleine Gelb und das kleine Blau” im FRida & freD Knopftheater. Das Stück eignet sich schon für sehr junge Zuschauer, das spleen-Programmheft empfiehlt es für 3+. ,,Das Plus hat bis oben hin keine Grenzen”, meint Herwig und deutet auf eine ältere Dame im Publikum. Und das ist keine Ausnahme, Menschen aller Altersklassen sind hier anzutreffen – die jüngeren vorne am Boden, die älteren dahinter auf den Sitzen. Auf einer Wand, die mitten auf der Bühne steht, spielt sich die Geschichte zweier Freunde ab, die Geschichte von dem kleinen Blau und dem kleinen Gelb.  Als sich die beiden eines Tages umarmen, sind sie plötzlich grün und werden von ihren Eltern nicht mehr erkannt. Erzählt wird größtenteils mit Sprache, Farbe, Licht und Musik, kleine Gesten sprechen Bände und es bleibt viel Raum für Interpretationen. Die Geschichte stimmt oft nachdenklich, bietet aber auch zahlreiche komische Momente. Obwohl sich das Stück eher an junges Publikum richtet, scheint das Gelächter der Großen zeitweise lauter zu sein, als das der Kleinen.

spleen Das kleine Blau und das kleine Gelb

Ein Farbenspiel, das Groß und Klein begeistert – Foto: Julian Strassegger

Nach der Produktion bleibt bei einem gemütlichen Spaziergang zur Festivalzentrale im Theater im Bahnhof reichlich Zeit, um das Gesehene zu besprechen. Emilia ist zufrieden, besonders gut hat ihr der Regenbogen gefallen. Herwig findet das Stück sehr gut und ist begeistert, wie wenig es braucht, um jeder Farbe einen eigenen Charakter zu verleihen. Er hält das Stück für unvorhersehbar und humorvoll. An einer Ampel meint Emilia: ,,Es ist rot!”. ,,Nicht gelb oder blau?” fragt Herwig. ,,Haben sich Kinder vorne gelangweilt?”, will er außerdem wissen. Emilia verneint.

Verrückt für alle anderen

In der Festivalzentrale angekommen, stärken sich die drei erst bei einem Mittagessen. Bis zum nächsten Stück im Tandem-Programm ist eigentlich noch genug Zeit, doch die jungen Künstler von spleen*trieb kommen mit ihrer ,,partizipativen Intervention” ,,das zebra streifen” dazwischen, an der Herwig, Juliette und Emilia außerplanmäßig teilnehmen. Ein Spaziergang führt über mehrere Zebrastreifen – es gilt, diese auf unkonventionelle Art und Weise zu überqueren. Einmal werden die weißen Streifen gemieden und nur der nackte Asphalt dazwischen berührt, dann müssen die Teilnehmer über den Zebrastreifen schleichen und ein anderes Mal auf den Streifen springen oder tanzen. Doch ,,das zebra streifen” findet nicht nur auf der Straße statt, auch in einer Schule werden die Besucher zum Mitmachen animiert.

Emilia zeigt, dass sie mehr als nur zuschauen kann - Foto: Julian Strassegger

Emilia will mehr als nur zuschauen – Foto: Julian Strassegger

Herwig gefällt, dass der Spaziergang das Besondere im Alltäglichen sichtbar macht und uns daran erinnert, dass wir achtsamer durch das Leben gehen sollten. Das kollektive Queren der Straßen auf spezielle Art und Weise bringe einen in eine eigene Welt, die für Außenstehende wie Passanten und Autofahrer verrückt wirkt. Auch Emilia hat Gefallen am Spaziergang gefunden, da sie am Geschehen mitwirken konnte.

Sommer, Sonne, Scheibenkleister

Das nächste Stück, ebenso von spleen*trieb, verspricht 20 Minuten Urlaub – ganz nach den Vorstellungen der Teilnehmer. In einem interaktiven Szenario können die Besucher selbst Teil der Geschichte werden. Ein junger Künstler erklärt, wie sich die Reisegewohnheiten der Österreicher im Laufe der Jahre gewandelt haben. Die Mehrheit fahre nur mehr auf Kurzurlaube, darum entstand die Idee, 20-minütige Urlaube anzubieten – ganz ohne Staus und Enttäuschungen. Nach einer Abstimmung steht fest: Die Reise geht an den Strand, es soll allerdings kein Erholungs-, sondern ein Abenteuerurlaub werden. Alles beginnt friedlich. Herwig, Emilia und Juliette cremen sich mit Sonnencreme ein und betreten die Urlaubssimulation. Doch es dauert nicht lange bis sich das vermeintliche Urlaubsparadies als eine stinkende und verseuchte Servicewüste entpuppt.

,,Ich wünschte, wir hätten den Winterurlaub genommen”, meint Emilia. ,,Ein romantischer Urlaub wäre sicher auch interessant gewesen. Da gehen wir dann ohne dich hin”, antwortet Herwig.

Von Teilen und Freundschaft

Anschließend geht es ins Schauspielhaus, denn dort findet die Performance ,,Ein Stück Teilen” der Wiener Theatergruppe ,,Kompanie Freispiel” statt. Darin versuchen drei Freunde, alles zu teilen – von Kleidung über Tische bis hin zu Pflanzen. Mit der Zeit gestaltet sich die gerechte Aufteilung jedoch immer schwieriger und die Freunde beginnen, Kartons zu horten, Türme daraus zu bauen und diese zu vergleichen, denn jeder möchte den höchsten Turm haben. Das Stück ist sehr fantasievoll und fesselnd inszeniert, auch an lustigen Stellen mangelt es nicht. Häufig hört man Kinderstimmen aus dem Publikum, die das Geschehen kommentieren.

Nach der Vorführung konnte die Kulisse von den Kindern betreten werden - Foto: Julian Strassegger

Eine betretbare Bühne und zutrauliche Darsteller – Foto: Julian Strassegger

,,Ungleichheit beginnt oft, wenn man beginnt, sich zu vergleichen”, meint Herwig. Er hält die Produktion für eine schöne Parabel auf erfreulich hohem Niveau, die zeigt, dass das Teilen schöner ist als das Besitzen. ,,Genau, denn wenn man teilt, haben beide was!”, stimmt Emilia zu. ,,Ich hab’ diesen ganz gemein gefunden, der sich eine große Mauer gebaut hat.” Juliette meint dazu: ,,Es ist super, wie man spürt, wie emotional die Kinder die Ungerechtigkeiten wahrnehmen.” Ihr gefällt der Aufbau des Stücks und dass sofort klar ist, worum es darin geht.

 

Erwachsene können Autofahren

Mit einem multimedialen, interaktiven Rollenspiel geht der Festival-Tag für Herwig und Emilia zu Ende, Juliette hat bereits nach ,,Ein Stück Teilen” den Heimweg angetreten.  In ,,Konferenz der wesentlichen Dinge” der deutschen Performancegruppe pulk fiktion sitzen 20 Menschen aus den verschiedensten Altersgruppen um einen hell erleuchteten Tisch, rundherum herrscht Dunkelheit. An jedem Platz befindet sich ein Lautsprecher, über den später Anweisungen, Vorschläge, Fragen und Informationen gehört werden können, und zwei Knöpfe, mit denen geantwortet und abgestimmt werden kann. Ein Knopf ist grün, der andere rot. Zu Beginn stellt eine Stimme Fragen – wie alt bist du? Hast du dir dein Frühstück heute selbst gemacht? Leben deine beiden Eltern noch? Dann folgen Regelvorschläge, die innerhalb dieses Raumes gelten würden und von den Teilnehmern akzeptiert oder abgelehnt werden können. Jede Stimme zählt dabei gleich, egal ob der Teilnehmer acht oder 80 ist. Es kommt zu Diskussionen. Soll jeder selbst entscheiden dürfen, ob er Alkohol trinkt oder nicht? Wann ist man ein Kind? Und wann ist man erwachsen? Einer sagt, man ist erwachsen, wenn man 18 ist. Jemand meint, erwachsen zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Ein anderer sagt, man ist erwachsen, wenn man mit einem Auto fahren kann. Oder einem Traktor. Auch wenn nicht jede Frage eindeutig beantwortet werden kann, so zeigt das Rollenspiel einerseits eindrucksvoll, wie sehr die Meinungen der Menschen auseinandergehen, andererseits aber auch, wie völlig fremde Menschen sachlich diskutieren und vielleicht sogar einen Konsens finden können.

Emilia hat dieses Stück am besten gefallen. Auf die Frage, was ihr daran denn speziell gut gefallen hat, sagt sie nur: ,,Alles!”. Auch Herwig ist zufrieden, er meint, dass man sich in einer sehr unerwarteten Situation befindet, in der man sich trotz der vielen fremden Menschen wohlfühlen kann. Sehr berührend findet er, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder zu Wort kommen. Für eine Lieblingsperformance kann er sich allerdings nicht entscheiden, die Vielfalt an Stücken ist das, was das Festival ausmacht. Auf jeden Fall sind sich alle einig, dass ihnen der heutige Tag gut gefallen hat. Die Stücke seien mutig und poetisch gewesen, haben überrascht, zum Nachdenken angeregt und zum Lachen gebracht. Am Sonntag endete somit das Projekt spleen*tandem, das Menschen einander und dem Theater näher gebracht hat. Am Montag endet spleen*graz, das in zwei Jahren hoffentlich wieder liebevolle und hochwertige Theaterproduktionen aus ganz Europa nach Graz bringen wird.

Mehrer Studente sitzen auf Matratzen am Boden

“Glück muss von innen kommen”

Während der Festivalhotspot des spleen*graz im Theater im Bahnhof nur temporär ist, gibt es dort auch ein langfristiges Projekt. Fünf Studenten wohnen seit über einem Jahr gemeinsam im Theater am Bahnhof, und sind dort auf der Suche nach dem Glück. Reporter Julian Bernögger hat sich mit WG-Bewohnerin und Architekturstudentin Pia getroffen und ein Gespräch über Theater, die Suche nach dem Glück, und wie es sich anfühlt, für einige Tage mitten im Festival zu wohnen, geführt.

Julian: Wie lange wohnt ihr schon hier?

Pia: Ein bisschen mehr als ein Jahr, ich bin vorletztes Jahr im Oktober eingezogen. Leo ist schon länger hier, der hat das Projekt ja gestartet.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen zusammen zu ziehen und wie ist die Gründung der WG verlaufen?

Die Idee hatte Leo, wir waren alle in der gleichen Lebenssituation. Wir hatten alle die Schule abgeschlossen und zu studieren begonnen und überlegt was wir mit unserem Leben machen, dabei blieb dann aber das glücklich sein auf der Strecke. Leo wollte dann eine WG mit Leuten gründen, die das selbe Problem haben. Er hat dann eine Anzeige aufgegeben, ich habe die gesehen und fand die Idee sehr cool. Mir ging es damals eben genau gleich, ich wusste nicht was mich glücklich macht, war zu sehr auf die Zukunft fokussiert und dachte nicht ans jetzt.

Was gefällt dir an der WG am besten?

Das Zusammensein auf dem kleinen Raum, das fordert einen schon, aber wenn man es einmal nicht hat fehlts einem total. Es ist auch super, dass alle das gleiche Ziel verfolgen, das hilft mir in meiner Suche nach dem Glück.

Gibt es in der WG etwas, dass dich stört?

Natürlich kommt man sich ab und zu in die Quere, immerhin wohnen wir zu fünft auf sehr engem Raum. Blöd ist auch wenn man zum Beispiel grad für eine Prüfung lernt und grad nicht mit anderen Leuten reden will. Aber sonst wüsste ich nichts was mich stört. (Pia wendet sich an ihre Mitbewohner) Gibt es etwas, dass euch stört? „Nein, passt alles“

Ihr wohnt unter dem Motto „WG zum Glück“ zusammen, was bedeutet das für das Zusammenwohnen und was ist für dich Glück?

Es gibt allen ein gemeinsames Ziel, ich glaub deshalb gibt es auch nichts das uns stört. Ich glaube, wenn wir alle nur zusammenwohnen würden, weil wir eine Wohnung brauchen, dann wäre das nicht so. Für mich bedeutet Glück derzeit, ich bin ja noch immer auf der Suche, zu erfahren wer ich selbst bin. Das ist schon eine große Aufgabe, sich selber kennen zu lernen. Ich denke wir haben langsam alle einen guten Weg gefunden.

"Im Müll herumzuwühlen ist ein gutes Lebensgefühl", findet Pia – Foto: Julian Bernögger

“Im Müll herumzuwühlen ist ein gutes Lebensgefühl”, findet Pia – Foto: Julian Bernögger

 Wie steht ihr zum spleen*graz? Stören die Leute oder freust du dich, wenn viel los ist?

Es sind ja öfter Veranstaltungen hier, beim spleen Festival sind halt viel mehr Leute da als sonst, manchmal auch bis spät in der Nacht. Am Anfang waren wir alle etwas skeptisch, aber am ersten Tag sind wir draufgekommen, dass es total nett ist auch mal andere Leute hier zu haben. Eigentlich sind war ja immer nur zu fünft hier und von den anderen Menschen Ratschlage zum glücklich sein zu bekommen, ist voll cool. Sonst haben wir ja immer nur unsere fünf Ansätze und jetzt kommen halt ab und zu Leute vorbei und sagen „Hey hast du schon mal das versucht?“ und das ist toll. Außerdem können wir uns die Stücke ansehen. Ich bin sehr positiv vom Festival überrascht.

Welche Stücke hast du bisher gesehen?

Gestern habe ich mir im Kristallwerk „Pink for Girls and Blue for Boys“ angeschaut und „Onbekend Land“ und „Speedy Amore“. „Bounce“ und „Die Paten“ haben wir auch gesehen. Wir wollten uns auch „Das Zebra Streifen“ anschauen, aber da hatten wir leider keine Zeit. „Museum of Memories“ war leider schon ausverkauft.

Welches hat dir am besten gefallen und warum?

„Onbekend Land“ hat mir am besten gefallen, ich mochte die Inszenierung und vor allem das Bühnenbild hat mich total begeistert. Dass man mit so simplen Mitteln so eine Wirkung erzeugen kann war sehr beeindruckend.

Gibt es ein Stück, dass dir nicht gefallen hat?

Das darf ich ja eigentlich gar nicht sagen. Eigentlich haben mir alle gut gefallen, manchmal gabs ein paar Sachen die unklar waren, oder Wendungen, die ich nicht gewählt hätte. Aber eines, dass mir nicht gefallen hat, gibt’s eigentlich nicht.

Macht Theater glücklich?

Gute Frage, im Zuge des Festivals haben wir uns inspiriert gefühlt, dass wir auch selber ein Stück machen: „Zwischen 5 und 40 Grad“. Das haben wir gestern zum ersten Mal aufgeführt. Da geht es um Kurzurlaube, wir stellten uns halt die Frage, „Was macht Leute glücklich?“ und wir wollten gerne ein Stück spielen, dass die Leute glücklich macht und Urlaub macht Leute glücklich. Im Zuge des Festivals fingen wir dann an uns etwas zu überlegen und fanden auch, dass es eine gute WG Aktivität ist, gemeinsam ein Stück zu machen. Es war schon sehr lustig und chaotisch und als wir es dann aufgeführt haben, hat es mich schon glücklich gemacht. Ich würd daher schon sagen, dass Theater glücklich machen kann.

Erasmus von Rotterdam hat mal gesagt: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit“, stimmt das?

Eindeutig! Das habe ich gestern gemerkt, da war ich ein bisschen verzweifelt und verrückt – und ich war voll glücklich.

Hast du noch einen Rat für alle, die glücklich sein wollen?

Ich glaube man muss seinen eigenen Weg gehen, weil Glück nur jeder für sich selber finden kann. Glück muss von innen kommen und dort sollte man es suchen.

Vielen Dank für das Gespräch

Frühstück im Auschlössl

Tandem Nummer 4 – ein Stück in 4 Aufzügen

Johanna ist Altbäuerin und hat – neben ihren vielen Theaterbesuchen – zwei Bücher verfasst. Gudrun hat gerade erst einen Hof in der Oststeiermark geerbt, ist also sozusagen Jungbäuerin und außerdem Teil des Theaterkollektivs Rabtaldirndl. Was die beiden vereint ist nicht nur, dass sie in jeder erdenklichen Situation über Ackerflächen, Vieh und Schwiegermütter sprechen können, sondern auch, dass sie gemeinsam das vierte Tandem am spleen*graz gebildet haben.

10:00 Uhr – Prolog

Im Auschlösserl – das doch eigentlich gar kein Schlösserl ist, wie Johanna irgendwann sagt – sieht das Tandem einander bei Kaffee und Croissants zum ersten Mal. Nachdem man sich die Hände geschüttelt und auf das Du geeinigt hat, gibt es eine kurze Vorstellrunde. Ein gemeinsames Thema finden Johanna und Gudrun trotz generation gap schnell: Die technologischen Veränderungen und „wie klein doch die Welt geworden ist.” Es folgt der Plan für den Tag und dann zockeln die beiden schon los. Ziel: Frida&Fred, der Auftakt zu einem Tag in vier Aufzügen.

11:00 Uhr – 1. Aufzug: Die Slapstick-Zaubershow

Inmitten des schwarzen Raumes leuchtet der weiße Wandschirm regelrecht. Im Publikum herrscht noch Unruhe, Kinder sitzen auf den Plätzen der Erwachsenen und müssen erst sanft nach vorne geschoben werden, als der Mann im Anzug und roten Karosocken die Bühne betritt. Vor seinem Gesicht ein Ipad, auf dem ein riesiger Mund zu sehen ist. „Herzlich Willkommen”, sagt er und was dann beginnen abgedrehte 40 Minuten zwischen Zaubertricks, verrückt spielender Technik und jede Menge Humor, der auch ganz ohne Worte funktioniert.

„Aaipet” nennt sich dieses Stück des niederländischen Duos „Bontehond”, das im Frida&Fred Knopftheater das kleine Publikum begeistert. „Was man mit der Technik alles machen kann”, urteilt auch Johanna beeindruckt, während „Bontehond” das Publikum verabschiedet und Gudrun schließt sich dem an. Einfach und doch immer lustig, urteilt sie über die Verfolgungsjagden auf der Bühne und die Grimassen, mit denen die Schausteller die Kinder zum Lachen brachten.

Beim Mittagessen lassen die beiden das erste Stück Revue passieren – Foto: Ludmilla Reisinger

Mittagessen: Eine gute Gelegenheit das erste Stück Revue passieren zu lassen. – Foto: Ludmilla Reisinger

14:00 Uhr – 2. Aufzug: Was wirklich wesentlich ist

Zwanzig Menschen um einen wuchtigen Holztisch, der einsam in einem Lichtkegel inmitten des dunklen Raumes steht. Auf dem Tisch 20 Lautsprecher, wobei erst einmal herausgefunden werden muss, wem in der Gruppe welches gehört. (Tipp: Wenn man die Hörer herauszieht, flüstern sie einem eine Nummer entgegen, die sich eventuell mit der auf dem eigenen Namensschildchen decken könnte!), wenn endlich alle sitzen, geht sie los, „Die Konferenz der wesentlichen Dinge”.

Was macht ein Kind zum Kind, was einen Erwachsenen zum Erwachsenen? Im TaO! versucht die Konferenz, diese Fragen zu lösen und dass ihre Teilnehmer nebenher mit Kuchen versorgt werden, ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt. „Interessant”, sagt Johanna hinterher, aber anstrengend fügt sie hinzu, denn durch die Hörer habe sie kaum etwas verstehen können. Das ungewöhnliche Setting des Stücks versieht das Tandem mit Lob, doch ob das Stück einlöst, was es verspricht – die althergebrachten Rollenbilder Kind und Erwachsener durcheinander zu bringen – da sind sich Gudrun und Johanna nicht sicher.

„Die Konferenz der wesentlichen Dinge” kann das Tandem trotz Interaktivität nicht ganz überzeugen. – Foto: Ludmilla Reisinger

„Die Konferenz der wesentlichen Dinge” kann das Tandem trotz Interaktivität nicht ganz überzeugen. – Foto: Ludmilla Reisinger

17:00 Uhr – 3. Aufzug: Wie man zu dritt ein Maoam isst

Auf der Probebühne des Schauspielhauses hat jemand reihenweise Umzugskisten aufgestapelt und trügerische Ruhe breitet sich über die leere Bühne aus – als sich plötzlich eine der Kisten zu regen beginnt. Dann noch eine, dann noch eine und schließlich stehen drei farbenfroh gekleidete, junge Männer vor dem Publikum, die in der folgenden Stunde einiges übers Teilen und die Freundschaft lernen werden: Unter anderem, dass ein Kartonmonster nur Karton und keine Bananen frisst und dass es dringend umarmt werden will, wenn es auf dich zu stürmt. Oder dass es nichts bringt, sich hinter einem Mauer aus Karton zu verschanzen: Am Ende ist Teilen doch viel schöner.

„Ein Stück teilen” hat die „Kompanie Freispiel” dieses Theater rund um zerschnittene Geldscheine, zersägte Tische und auseinander geschraubte Stühle genannt. Was man nicht alles teilen kann! „Wahnsinn, was die sich einfallen lassen”, meint Johanna am Ende, doch  mehr gibt es nicht zu hören, denn das Tandem ist schon ein wenig müde, überflutet von all den Eindrücken. Erst auf dem Weg nach draußen dann kommt Gudrun auf das Stück zurück, genauer gesagt auf das improvisierte Bühnenbild aus Umzugskartons. „Aus der Not entsteht etwas Cooles”, wie sie es formuliert und erzählt, dass sie selbst auch einmal mit Karton gearbeitet hat. Später rätseln die beiden noch über den Ursprung des Stücks. Ob die Darsteller wohl wie Kinder einfach ausprobiert haben, was man alles auseinanderschneiden kann? „Der einzige Unterschied ist, dass Kinder das nicht auf die Bühne bringen”, sagt Gudrun als das Tandem beinahe die Festivalzentrale erreicht hat. Damit hat sie es wohl auf den Punkt gebracht.

Einen Moment ruhen sich Gudrun und Johanna aus, dann geht es los mit “Ein Stück teilen” – Ludmilla Reisinger

Bevor es mit “Ein Stück teilen”  losgeht, ruht sich das Tandem kurzerhand auf der Treppe aus. – Ludmilla Reisinger

20:00 – Letzter Aufzug: Pas de quatre

Auf der Bühne im Kristallwerk herrscht gähnende Leere, auf dem weißen Boden keine einzige Requisite – bis ein junger Mann in Unterhosen herein trippelt, eine Mikrowelle an die Brust gepresst. Ihm folgen drei weitere Schauspieler, die unterschiedlichste Utensilien schleppen, so dass aus der Bühne eine Art Wohnung wird. Einen Moment lang sitzen sie danach alle vier auf der improvisierten Couch, atmen durch, dann macht die Mikrowelle „Pling” und es beginnt eine wilde Tanzvorstellung, die in einer regelrechten Materialschlacht endet. Schaumstoffe, Farbe, Styropor, Puder und mit einem Mal ist der weiße Boden gar nicht mehr so leer.

Die Performance mit dem klingenden Namen „Pink for Girls, Blue for Boys”  bricht mit den gängigen Geschlechterrollen und geht dabei über Grenzen. Das ist nicht für jeden das Richtige. Johanna meint nur, sie habe das nicht ganz verstanden und ist froh, als Gudrun zugibt, dass sie auch nicht weiß, was das Ende zu bedeuten hatte. Die beiden einigen sich darauf, dass es eben „ein freies Stück” war. “Und wie viel Körperbeherrschung diese Tänzer haben”, sagt Johanna noch, dann steht das Tandem ein letztes Mal für diesen Tag aus dem Theatersitz auf.

Faszination und fast ein wenig Befremdem beim letzten Stück “Pink for Girls and Blue for Boys” – Foto: Ludmilla Reisinger

Faszination und fast ein wenig Befremdem beim letzten Stück “Pink for Girls and Blue for Boys” – Foto: Ludmilla Reisinger

21:30 – Epilog

„Heute Nacht werden wir gut schlafen”, resümiert Gudrun den langen Festivaltag. Aber schön, dass sie beim Tandem mitgemacht habe, fügt sie hinzu, sonst wäre sie womöglich gar nicht dazu gekommen, dass spleen*graz zu besuchen. Johanna formuliert es noch kürzer: „Es war super, da gibt’s nix”, meint sie, ehe sie und Gudrun sich verabschieden. Für den Fall, dass Gudrun einmal in Johannas Nähe ein Theater aufführt, haben die beiden übrigens schon Kontaktdaten ausgetauscht. Und zum Abschluss des Theatermarathons darf eine darf eine freundschaftliche Umarmung natürlich auch nicht fehlen, ehe das Tandem wieder getrennte Wege geht.

 

Wo das Glück zu Hause ist

“Hat dir schon jemand die WG gezeigt?”

Verneinend schüttle ich den Kopf und bekomme prompt eine Führung von Leo, einem der fünf Mitbewohner. Die “WG des Glücks” ist eine Idee, die im Rahmen des spleen*graz vom spleen*trieb ins Leben gerufen wurde. Beim spleen*trieb realisieren junge Grazer Künstler und Künstlerinnen eigene Projekte, sozusagen ein Festival im Festival. Während der gesamten Dauer des heurigen spleen*graz, leben Leo, Pia, Alex, Carmen und Lena zusammen in einem Raum, der sich im Theater am Bahnhof in der Elisabethinergasse befindet. Im hinteren Teil liegen fünf Matratzen auf dem Boden, in der Mitte steht ein Tisch, an den Wänden sind unterschiedliche Poster angebracht. Neben dem Eingang befindet sich ein kleines Kämmerchen, das mit Vorhängen von der Außenwelt abgeschirmt wurde. Dieses beinhaltet ein paar Sessel sowie ein Regal mit einem Laptop und einer Kamera. Auf dem Laptop befinden sich Videos, die nicht länger als 30 Sekunden sein dürfen, und einen Einblick in das bisherige WG-Leben ermöglichen sollen.

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Fünf Tage lang dreht sich in der WG alles nur um ein Thema: Glück. Jeder findet seines in unterschiedlichen Bereichen. “Mein Glück liegt in der Gemeinschaft”,  erklärt Leo, hält mir ein Freundebuch hin und fordert zum gemeinsamen DKT Spielen auf. Währenddessen plankt Lena auf dem Boden in einem Tarnoutfit. Dann setzt sie sich an den Tisch und beginnt ein Buch über das Überleben in Krisensituationen zu lesen. “Sicherheit. Ich finde mein Glück in der Tatsache überall überleben zu können”, sagt sie und erzählt wie lange ein Körper ohne Trinkwasser auskommen kann. Pia hingegen hat ihre eigene Identität noch nicht gefunden. Gestern war sie ein Einhorn, heute läuft sie in einem Waschbärkostüm herum. Selbst bei den Theaterstücken trifft man sie darin an.

Die Fünf legen eine täuschend echte Performance hin. Nichts bringt sie aus ihrer Rolle, auf alle Fragen haben sie eine Antwort parat. Wo sie denn wirklich wohnen? “Ja hier!” Wie viel Miete sie zahlen? “180 Euro.” Ihre Erklärungen sind so plausibel, dass sie jeden für einen kurzen Moment zum Narren halten. Man ist sich nicht mehr sicher, was Realität und was Illusion ist, was echt und was gespielt. Somit setzen sie das diesjährige Thema “Wahr oder Falsch” des spleen*trieb perfekt um.

Aber warum genau Glück? “Wir alle werden so schnell erwachsen, wir müssen uns um alles selbst kümmern. Sogar um einen Impfpass”, antwortet Carmen auf die Frage. Also konzentrieren sich die Mitbewohner einfach mal auf ihr Glück, welches zwischen Universität, Arbeit und dem Erwachsenwerden sowieso zu kurz kommt. Carmens Glück liegt übrigens in der Wahrheit. Außerdem beschäftigt sie sich mit Verschwörungstheorien. Und Alex? Er sitzt am Tisch und versucht den Menschen zu helfen. So findet nämlich er sein Glück.

Egal, ob wahr oder falsch, die WG des Glücks ist eine toller Einfall, der in unseren Köpfen Platz zum Nachdenken schafft.

“Und, was macht dich glücklich?”

Bernd und Gerti sitzen bei einem Kaffee und lachen

Ein Tag – Viel Theater

Gerti ist Sommelière und arbeitet in einer Vinothek, mit Theater hat sie eher wenige Berührungspunkte. Bernd hat Kunstgeschichte studiert und arbeitete lange Zeit als Theaterkritiker. Am dritten Tag des spleen*graz besuchen sie das Festival als Tandem und sehen sich humorvolle, experimentelle, aber auch sehr berührende Stücke an.

Das erste Stück des Tages trägt den klangvollen Titel „Onbekend Land“ und wird im Kristallwerk aufgeführt. Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in dem titelgebenden unbekannten Land ankommt und dort auf Sprachbarrieren und andere Hindernisse trifft. Auf einer abstrakten Ebene thematisiert „Onbekend Land“ somit die Erlebnisse von Flüchtlingen und deren Ankunft in einem fremden Teil der Welt. Dabei wird dem Publikum die Thematik zu keinem Zeitpunkt auf die Nase gebunden, das unbekannte Land erzählt seine Geschichte sehr subtil. Zudem überzeugt es die Zusehenden mit epochaler Live-Musik und tollen Lichteffekten. Auch Gerti, die diese Aufführung noch ohne Bernd besucht, der erst bei der zweiten Vorführung zu ihr stoßen kann, zeigt sich ebenso wie der Rest des Publikums begeistert: „Die Musik hat mich fasziniert“.

Erinnerungen in der Box

Als Gerti im Theater am Ortweinplatz ankommt, wo sie das nächste Stück „Museum of Memories“ besucht, trifft sie nun erstmals auf Tandempartner Bernd, der gerade in Graz eingetroffen ist. Zeit für ein kleines Kennenlerngespräch bleibt ihnen aber nicht wirklich, denn schon beginnt die Vorführung. Gemeinsam mit den anderen Zusehern sitzen die beiden in einer großen Box. In dieser erzählen die Schauspieler, auf engstem Raum, eine berührende Geschichte über die Erinnerungen, die mehrere Menschen an einen jungen Mann haben, der sich das Leben genommen hat. Sein Bruder erinnert sich an das gemeinsame Fußballspielen, die Nachbarin hat ihn als aufgeweckten Buben im Kopf, der gerne ihre Muffins gegessen hat. Obwohl das Thema von „Museum of Memories“ sehr ernst ist, sind die einzelnen Erinnerungen meist humorvoll erzählt, ohne dabei jemals in Klamauk oder Blödelei auszuarten. Durch die Intimität, die in der Box zwischen Darstellern und Publikum erzeugt wird, und die unglaubliche Energie mit der die Schauspieler ihre Rollen verkörpern, geht einem das Geschehen in einigen Szenen sehr nahe. Gegen Ende fließen bei manchem erwachsenen Zuseher Tränen. „Museum of Memories“ ist ein Stück das, vor allem auf emotionaler Ebene, Wirkung zeigt. „Man war einfach mitten drinnen im Geschehen und hat das Stück auch emotional stark gespürt“, findet Gerti. „Das ist ein direktes, emotionales Spiel, das ein sehr ernstes Thema behandelt, aber das auf eine Art macht, die einen sehr ergreift und traurig macht. Aber man geht trotzdem raus mit einem Gefühl von Leichtigkeit“, resümiert Bernd.

Gerti und Bernd stöbern in der Gallerie von "Museum of Memories"

Nach der Vorstellung verwandelt sich die Box in eine Galerie, in der das Publikum in Errinerungen stöbern kann – Foto: Julian Bernögger

Bananen aus dem IPad

Während sich das Tandem aufmacht, um sich in der Festivalzentrale beim Mittagessen zu stärken, erzählt Bernd von seiner Tätigkeit als Theaterkritiker und wie man zu diesem Beruf kommt, im Gegenzug berichtet Gerti von ihrer Arbeit und dem Leben in der Südsteiermark. Die Beiden verstehen sich gut, sind sich auf Anhieb sympathisch. Nach dem Essen und einer verdienten Pause, startet der Nachmittag mit der dritten Vorstellung des Tages im Knopftheater des Kindermuseums FRida&freD. „Aipet“, richtet sich, im Gegensatz zu den vorherigen Vorstellungen, vorrangig an ein junges Publikum. Zwei Darsteller vermischen klassischen Slapstick mit moderner Technologie, beispielsweise wird eine Banane aus dem titelgebenden IPad gezaubert und eine virtuelles Ping-Pong Match gespielt. Dem jungen Publikum gefällt „Aipet“, ein gewisser Charme ist dem Stück nicht abzusprechen. Auf dem Weg zurück in die Festivalzentrale, wo es mit Stück Nummer Vier weitergeht, diskutieren Bernd und Gerti noch darüber, ob sich hinter dem Klamauk von „Aipet“ eine Geschichte über Freundschaft verbirgt, oder ob es sich um bloße Unterhaltung handelt. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Ein mystischer Unterwasserspaziergang

Richtig schlau werden Gerti und Bernd auch aus der nächsten Vorstellung nicht, aber das macht nichts, denn die spleen*trieb Vorführung „Abtauchen“ entführt das Publikum in eine mystische Unterwasserwelt mitten in Gries. Ausgestattet mit Warnwesten macht sich das Tandem auf den Weg. „Abtauchen“ ist ein Theater, das in Form eines Spazierganges entlang der Elisabethinergasse stattfindet. Das Publikum wird von wunderschön singenden Darstellerinnen von einer Station zur nächsten geführt, wobei an jedem Halt ein Teil der Geschichte erzählt wird. Das Einsetzen der Dunkelheit, die tanzenden Akteurinnen, die den Weg begleiten, sowie die als Fischer verkleideten Erzähler, sorgen dafür, dass „Abtauchen“, den Zuseher in seinen Bann zieht. Selbst Passanten und Autofahrer können sich der magischen Atmosphäre, die das Stück erzeugt, nicht entziehen. Auch Theaterkritiker Bernd zeigt sich von „Abtauchen“ begeistert: „Das Stück hat mich sehr bewegt, zum einen aufgrund der Texte, die die jungen Erwachsenen selbst geschrieben haben und zum anderen aufgrund der ganzen performativen Inszenierung dieser Nachtwanderung.“

Für den Spaziergang "Abtauchen" erhält das Publikum Warnwesten

Für “Abtauchen” wird das Publikum mit Warnwesten ausgestattet – Foto: Julian Bernögger

Vor der letzten Aufführung geht es noch einmal zurück in die Festivalzentrale, Gerti und Bernd müssen sich nach dem kalten Spaziergang ein klein wenig aufwärmen. Außerdem wird beim Abendessen über den bisherigen Tag resümiert: „Normalerweise gehe ich wo hin und sehe mir ein Stück an, dann beschäftige mich damit. Heute war das schon recht viel, aber es war für mich sehr positiv das mal zu erleben“, sagt Gerti. Enttäuscht sind die beiden lediglich davon, dass es kein eigenes Theater der Veranstalter gibt: „Eigentlich wäre es wichtig, dass sich die Gastgeber präsentieren und eine eigene Arbeit zeigen und ich glaube man verbaut sich da etwas, wenn man darauf verzichtet.“, sagt Bernd.

Männer und die Mafia

Zum Abschluss des Tages besuchen Bernd und Gerti „Die Paten“ im Schauspielhaus. Die Protagonisten Frank und Alper sind begeisterte Fans des Films „Der Pate“. In dem Theaterstück diskutieren die beiden, anhand von Beispielen aus dem Film, über Vorbilder und die Rolle des Mannes in der Familie, über Berufswünsche und Zukunftsaussichten und darüber, wie der Pate als Remake in Berlin aussehen würde. Die Geschichte rund um den Schüler und den Theaterproduzenten unterhält mit sehr vielen Anspielungen auf den Film und einer tollen Performance der Schauspieler, sowie einem ordentliche Schuss Humor, ohne dabei verkrampft auf lustig zu machen. Auch dem Tandem gefällt das Stück, Bernd war vor allem von der Darstellung der verschiedenen Charaktere und der Aufmachung des Stückes anhand von Szenen aus dem Film beeindruckt.

Das Experiment Tandem geht auch am dritten Festivaltag voll auf. Das Duo Gerti und Bernd passt, trotz unterschiedlicher Theatererfahrung, gut zusammen und auch die Stücke gefallen den beiden durch die Bank. Das unbestrittene Highlight des Tages ist dabei ganz klar „Museum of Memories“: „Es waren alle Stücke sehr gut, aber im Großen und Ganzen hatte Museum of Memories die stärkste emotionale Wirkung auf mich“, resümiert Gerti den Tag. Nach elf Stunden, fünf besuchten Vorstellungen und einem tollen Tag beim spleen*graz, verabschieden sich Gerti und Bernd voneinander, man ist sich einig, dass es ein toller Festivaltag war.

Verschieden Karten auf einem Festivalprogramm

Fünf Vorstellungen in elf Stunden – Foto: Julian Bernögger

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“Heute bin ich ein VIP!”

Man nehme: Eine Lehrerin, vom Unterricht freigestellt, und einen ihrer theatertechnisch wenig erfahrenen, aber wissbegierigen Schüler. Spleen*graz schickt das Gespann aus Schulkind und Autoritätsperson einen Tag lang durch die Grazer Spielstätten – mit der Neugier über die unterschiedlichen Auffassungen und Eindrücke der beiden.

Man bekommt: Interessante Gespräche, krampfhafte Lachanfälle und neue Freunde.

9:00, Operncafé. Vielen “grauen Männern” begegnend, lernt man sich bei Kaffee kennen, die Nervosität (beiderseits, wie sich im Laufe des Tages herausstellen sollte) schwindet sofort. Der straffe Zeitplan startet mit einer ausverkauften Vorstellung von “Bounce” im Next Liberty.  Unter der Erklärung, man müsse uns am heutigen Tag erkennen, werden die Namensbuttons angebracht – der Schüler Bastian prägt in diesem Zuge schnell das Motto des Tages: “Heute sind wir VIP’s”.

Im Großen und Ganzen ist man sich immer einig, was die Bewertung der Stücke betrifft; Die anschließenden Diskussionen bringen jedoch verschiedenste Interpretationsansätze zum Vorschein. So sind für die Pädagogin die zentrale Themen von “Bounce” übertriebener Ehrgeiz und Gier, während für Bastian Freundschaft und Zusammenhalt im Mittelpunkt stehen. Man bleibt zwar mit ein  paar Fragezeichen zurück, Eindruck hinterlässt die französische Truppe aber sehr wohl; nicht jeder ist in der Lage einem 300-köpfigen Publikum um 10 Uhr vormittags eine akrobatische Meisterleistung zu bieten.

Die auf Englisch gehaltene  Diskussion bezüglich “Audience Development” lädt den jüngeren Part des Zweiergespanns das eine oder andere Mal zum Gähnen ein. Mit ihrer pädagogischen Erfahrung und guten Inputs kann Frau Kreuzberger, die Lehrerin, vor den Theatermachern punkten.

Beim anschließenden Gespräch mit dem Schweizer Theater Sgaramusch bezüglich “Knapp E Familie”, nimmt Bastian deren Drehbuch auseinander, bekommt aber auf beinah jede Frage eine Antwort. Auch hier verlässt man die Spielstätte beeindruckt. Quer durch die halbe Stadt verschlägt es uns schon ein wenig ermüdet ins Kristallwerk. Das letzte Stück, “Onbekend Land” gestaltet das Abendprogramm. Außergewöhnliche Instrumente erzeugen gemeinsam mit der märchenhaften Kulisse eine übersinnliche Stimmung. “Wie in einem Traum”, ist man sich von allen Seiten aus einig. Anschließend laden die niederländischen Protagonisten zum Betrachten und Ausprobieren der Instrumente ein.

Wenn aus Fremden Freunde werden

Das spleen*graz Festival macht es sich alle zwei Jahre zum Motto eine Verbindung, beziehungsweise einen Dialog zwischen verschiedenen Fronten herzustellen. Sei es zwischen alt und jung, erfahren und laienhaft, fremd und bekannt. Das diesjährige Tandem-Projekt sollte eine solche Unterschiedlichkeit genauer beobachten und die diversen Eindrücke erfassen. Mein Ziel als Begleiterin des ungleichen Tandems: Diese Gegensätzlichkeit zu beleuchten. Das gemeinsame Erleben, der reflektierende Austausch im Gespräch und das Interesse am Gegenüber bewirkten in diesem Fall das Gegenteil. Im Zuge des “WG zum Glück”-Projekts zog man sogar in Erwägung, sich ein Dach über dem Kopf zu teilen. Gemeinsame Lachanfälle und auch der private Austausch bestätigen den Eindruck, dass dieses Festival, mit all den offenen und herzlichen Persönlichkeiten, verbindet. Auf die Frage, welches Statement spleen*graz am besten beschreiben würde, entgegnete Frau Kreuzberger folgenden treffenden Satz: “Aus fremden werden Freunde, man lernt sich kennen.”

Und nun – zum Schluss aber nicht zuletzt, wie unser Ossi gerne zu sagen pflegt: Ein riesiges Dankeschön an Verena Kreuzberger unPhoto 08.02.18, 12 35 07_previewd Bastian für die gute Zusammenarbeit und diesen gegenseitig aufregend gestalteten Tag!

 

– Johanna

 

Der Festivalauftakt: Ein Tandem – Zwei Nationen

Es ist der 07.02.2018 und der Startschuss für das diesjährige spleen*graz Festival ist gefallen. Mit einer Kamera und einem Notizblock ausgestattet, mache ich mich über verschneite Gehsteige auf den Weg ins Auschlössl, um dort zwei besondere Personen zu treffen – das heutige Tandem von spleen. Was ein Tandem ist? Das sind zwei Personen, bekannt oder fremd, die gegenseitig ihre Kenntnisse austauschen und von einander lernen.

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Genauer gesagt sind es in diesem Fall die 27-jährige Joelle Linden aus Luxemburg und die 11-jährige Luisa Francesconi aus Eggenberg. Joelle arbeitet seit zwei Jahren im Rotondes, einem Theater direkt in Luxemburg-Stadt, dessen Schwerpunkt auf Kinder und Jugendlichen liegt. Durch ein internationales Projekt, welches Luxemburg gemeinsam mit Österreich, Liechtenstein und Belgien auf die Beine stellen möchte, verschlug es sie das erste Mal nach Graz und zum spleen. Luisa hingegen ist Schülerin der Schulschwestern und kam durch ihre Nachbarin Michaela, eine Mitarbeiterin von spleen*graz, zu ihrer Rolle als Teil des Tandems. 16 Jahre Altersunterschied liegen zwischen ihnen, 937 Kilometer Entfernung liegen zwischen ihren Wohnsitzen. Das soll funktionieren? Und wie es das tut.

Gleich von Beginn an, merkt man, dass sich die Zwei gut verstehen. Luisa ist zwar anfangs noch etwas schüchtern, aber ein Stück Kuchen später ist das Eis gebrochen und die junge Grazerin laut, offen und mehr als lebenslustig. Joelle gefällt es. Die erste Aufführung des Tages findet ein paar Schritte vom Auschlössl entfernt statt – im Frida & freD Knopftheater. Ohne Schuhe, die müssen nämlich draußen bleiben, und nur mit Socken an den Füßen, spazieren die beiden in den Saal zu “Knapp e Familie”. Dieses Stück von Theater SGARAMUSCH aus der Schweiz erzählt die Geschichte eines Paares, die gerade gemeinsam in eine Wohnung gezogen sind. Aber etwas fehlt. Und zwar ein Kind. Die ganze Aufführung lang werden verschiedene Situationen simuliert, sei es mit einem Kind zu Hause oder in den Ferien in Finnland. Ob männliches Baby oder ein 18-jähriges Mädchen, das Duo malt sich die verschiedensten Dinge aus und überlegt, wie sie damit umgehen würden. Und was haltet das Tandem davon?  “Ich hab zuerst gar nicht gecheckt, wo das herkommt”, sagt Luisa und meint damit die Geräusche, die der Mann von sich gab -sei es Babygeschrei oder ein heulender Wolf.  Motiviert war sie aber auf alle Fälle, denn bei jeder Gelegenheit mitzumachen, wollte sie die Bühne stürmen. Einmal durfte sie sogar kurz mitspielen. Trotzdem fand sie, dass die Kinder zu wenig eingebaut wurden und ruhig für längere Zeit auf der Bühne bleiben könnten. Joelles Aufmerksamkeit wurde eher auf die Konstellation der Familie, das typische Mutter-Vater-Kind Bild, gelenkt. Die Luxemburgerin meint, dass es ja mehrere Arten von Familien gibt. Besonders gefallen haben ihr aber die Kreativität und Spontaneität der Schauspieler, da diese sehr wenig Requisiten benutzten. “Man braucht nicht viel, um Theater zu machen”, sagt sie. Gemocht haben es beide.

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Auf dem Weg zur nächsten Station gibt es einen kurzen Zwischenstopp, um etwas zu essen. Luisa würde gerne zu McDonalds, Joelle eigentlich nicht so – also wird es McDonalds. Dort erzählt Luisa ganz aufgeregt von ihrem Hund und ihren Katzen, die sie als Geschwister bezeichnet, und von ihren Hobbies, nämlich Volleyball spielen und Kochen. Beim Essen überkommt die Zwei dann eine Idee und sie stellen sich ganz nach “Knapp e Familie” vor, dass Luisa gekocht hat. “Danke, für das Kochen”, lacht Joelle.

Dann geht es zur letzten Station, dem Next Liberty, in der die Eröffnung des Festivals mit dem Stück “Bounce” stattfindet. Von den Begrüßungsreden ist Luisa eher gelangweilt, dafür gefällt ihr die kurze Einlage mit den 100 jungen Grazern, bei der auch ihre Schwester dabei ist, umso besser. “Bounce” beginnt, in der Mitte der Bühne steht ein großer Holzkoloss, der von den vier Schauspielern überwindet werden soll. Eine Stunde lang wechseln sich Gesang, Tanz, Akrobatik und Musikinstrumente ab. Das Zusammenbrechen der Kulissen am Anfang bringt Luisa zum Lachen und sie ist sich nicht so ganz sicher, ob das nun zum Stück gehört oder nicht. Der Rest fesselt sie nicht so ganz, nicht einmal eine ganze Flasche Cola hilft. Direkt nach Ende verabschiedet sie sich mit einer Umarmung und den Worten: “Das war jetzt eher langweilig.” Auch Joelle war nicht ganz überzeugt von der Performance. Sie fand zwar viele Einlagen richtig gut, doch leider war alles etwas langatmig. Außerdem hat sie sich ein anderes Ende, etwas Spannenderes, vorgestellt. Die Idee mit den Tandems hat ihr gut gefallen, von Luisa war sie begeistert, ihre aufgeweckte und offene Art war ansteckend.  Auch sie verabschiedet sich mit einer Umarmung und bricht Richtung Festivalzentrale auf.

Ein guter Start in ein tolles Festival mit einem Duo, welches am Ende des Tages etwas an Geschwister erinnerte – Luisa, die Aufgedrehte und Joelle, die immer ein Auge auf sie hatte.

Cornelia 

 

A little introduction of myself: Cornelia

Eine 20-jährige Wahlgrazerin (die eigentliche Heimat ist ganze 30 Minuten mit dem Auto entfernt), Germanistik – sowie Anglistikstudentin, deren Nerven gerade beim Russisch Lernen auf die Probe gestellt werden, und Tagträumerin.

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Also Hallo,

mein Name ist Cornelia, ich bin, wie bereits erwähnt, 20 Jahre alt und studiere in Graz.

Was ich gerne mache? Die Welt erkunden, Schreiben bzw. Bloggen (aber naja, das dürfte nicht schwer zu erraten sein) und Lachen. Das tu ich nämlich unheimlich gerne und oft.

Was mich zu Spleen treibt? Ganz altmodisch die Uni. Also eigentlich eine Facebook Seite der Uni. Oke, Facebook ist jetzt doch nicht so altmodisch.

Meine Spleens? Vielleicht die Angewohnheit zu jedem Lied zu tanzen. Oder den Tick hundert Mal zu checken, ob die Tür zugesperrt ist. Oder mein chronisches Zuspätkommen.

Aber genug erzählt, kommen wir zum eigentlichen Grund, wieso ich hier bin: das siebente spleen*graz. Den ersten Tag dieses Festivals durfte ich gemeinsam mit einem Tandem besuchen. Was da so geschah und wer diese Personen waren, erfährt ihr einen Post weiter.

Liebe Grüße,

Cornelia 

 

Klappe, die Siebente

Der Startschuss ist gefallen! Nach zwei Jahren Dornröschenschlaf tut sich nun wieder was am Blog. Es spleent so spleen … bald. Von siebten bis zwölften Februar heißt es: Klappe, die Siebente!

Heuer gibt es keinen thematischen Schwerpunkt bei spleen – die Themenvielfalt sei so breit, dass es schade wäre, sich einzuschränken, finden auf jeden Fall Hanni Westphal und Manfred Weissensteiner, die Leitung von spleen. 13 Stücke von Theatergruppen aus zehn europäischen Ländern stehen am Programm – und außerdem sieben Produktionen der Nachwuchsschiene spleen*trieb.

Thematisch reichen die Inhalte von Migration über den Umgang mit Unterhaltungselektronik bis hin zum Teilen, und zu den Fragen wie es ist, Kinder zu haben und wer eigentlich Regeln machen sollte. Die Projekte von spleen*trieb stehen unter dem Motto „Wahr oder Falsch?“ und hinterfragen … einfach alles. Ein gemeinsames Merkmal zwischen vielen Stücken gibt es heuer doch: sie kommen ohne Worte aus. Teilweise sind sie sogar in Fantasiesprache.

Wie das umwerfende Programm und das Festival-Drumherum bei den BesucherInnen ankommen, möchten wir natürlich wissen. Darum schicken wir ungleiche Tandems – zum Beispiel Expertin und Laie, Großvater und Enkelin, Dramatiker und Hysterikerin – durch jeweils einen spleen*tag. Die beiden sind eingeladen, alle Veranstaltungen zu besuchen und hinter die Kulissen zu blicken.

Und wer wäre besser geeignet als fünf topmotivierte, junge Journalistinnen und Journalisten, um das Erleben der ungleichen Tandems zu dokumentieren, und auch ihre eigene Sichtweise zu schildern? Richtig, niemand. Also werden uns Johanna, Julian, Cornelia, Julian und Ludmilla auf diesem Blog und in der Wandzeitung der Festivalzentrale während spleen am Laufenden halten.

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