kollektiv*verliebt

 

TAG DER LIEBE – ES MENSCHELT UND VIBRIERT BEI spleen

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Der mit Abstand emotionalste Tag des spleen*festivals hat das Kollektiv gestern völlig unerwartet gleich zweimal Tränen und Eis in die Augen getrieben.

Ein Kollektiv definiert sich über eine Mehrzahl von Personen, die aufgrund eines Systems von gemeinsamen Normen und Werten und Gefühlen eine Zusammengehörigkeit entwickeln oder ein Gemeinsamkeitsempfinden spüren und vor allem kollektiv erLEBEN.

Die Entwickler und Durchführer des spleen*projektesAuf die Ohren scheinen in ihrem Leben noch nie auch nur ein Fünkchen dieses Gemeinsamkeitsempfinden empfunden zu haben und konnten daher gefühllos das Unmögliche verlangen und durchsetzen:

DIE KOLLEKTIVSPALTUNG!

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Unter Verzweiflung und Hysterie, Wehklagen und Protest, Androhung von Gewalt und Zerstörung hat sich das Kollektiv für 45 Minuten trennen lassen. Und als Lohn für dieses Opfer nichts anderes, ja, ich muss es benennen, nichts anderes als, es nützt ja nichts drumherum zu reden, ja, es hat nichts anderes als, ich sags jetzt: LIEBE empfangen, ja, der Leser liest richtig, das Kollektiv hat sich kollektiv – oh spleen*Wunder – verliebt.

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Wie kann so ein ungeheuerlicher Vorgang vonstatten gehen?

Am Anfang gilt es anonym einen Fragebogen auszufüllen, der alles andere als diskret ist. Die politische, kulinarische, musikalische und sexuelle Gesinnung ist zu erklären, philosophische Grundeinstellungen werden erfragt und die Kennenlernkernfragen gestellt, die alles befördernden oder vernichtenden Grundfragen: Magst du Hunde oder Katzen? Kaffee oder Tee? Katzen natürlich! Und Kaffee! Was sonst?

Da ist eine Vorahnung, dass etwas auf uns zukommt.

Ein Foto wird geschossen! Der Teilnehmer erhält ein Mini-Player, Kopfhörer, diverse Instruktionen (denen ich besser hätte folgen sollen) und los geht es zur Stadtwanderung durch das Gries-Viertel.

Ich wechsle zur Einzahl ICH, denn nun bin ich auf mich gestellt und muss als Individuum bestehen.

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Und siehe da, ich versage sofort, kaum losgelaufen schon verlaufen, auf den Pausenknopf des Players gedrückt, was ausdrücklich untersagt war und noch einmal von vorn und schon bin ich 5 Minuten im Rückstand, was eine Katastrophe für alle Nachfolgenden ist.

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Beginnt der Rundgang zunächst mit sachlichen Informationen zu diesem oder jenem Geschäft – wie gewöhnlich bei solchen Stadtführungen – wechselt die weibliche Stimme in den Kopfhörern vom SIE zum DU. Oha, was ist los?

Doch dabei bleibt es nicht, kaum um die Ecke gebogen, erzählt die Stimme mir ein paar Witze. Aha.

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Ein Gefühl von Seltsamkeit beschleicht mich als die Stimme vor der LUNA BAR, einem einschlägigen Puff im Viertel, fragt, was ich zu jenem oder diesem des ältesten Gewerbes der Welt denke. Hm…

Versöhnt werde ich etwas später mit einem Herzen, dass die Stimme – so versichert sie – extra für mich in einer Gasse angebracht hat.

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Als es langsam kälter wird, bietet mir die Stimme einen Schal an, den sie für mich aufgehängt hat. Auf dem Platz vor dem Schaumbad wird es dann intim, ich erfahre, dass MEINE STIMME dort ihren ersten Kuss bekommen hat und eine Gegnerin des Zungenkusses geworden ist. Ich denke noch bei mir, das lässt sich reparieren, da teilt mir MEINE STIMME mit, mit mir würde sie es noch einmal drauf ankommen lassen. Puh… ich werde neugierig und mir fällt auf, dass MEINE STIMME im Ohr von Satz zu Satz wärmer und herzlicher wird.

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Mir schwant etwas und ich schaue mich in den Gassen um, die bevölkert sind von zahllosen hübschen Mädchen, die hasten und eilen und davonlaufen. Aber hier und dort eben auch ruhen… ist da draußen irgendwo MEINE STIMME? Es bleibt aufregend…

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Auf eine Kirche zueilend (meine Verspätung ist auf 20 Minuten angewachsen) erfahre ich – ganz nah bei Gott – , was für ein wunderbarer Mensch ich bin, aufgeschlossen, herzlich, gefühlvoll, mein Körper wäre eine Sünde wert und überhaupt würde mich MEINE STIMME gern kennenlernen und im Sommer (warum eigentlich erst im Sommer?) etwas mit mir unternehmen und ich solle doch jetzt mal ganz schnell in die Kirche kommen. Und war da nicht eine Spur Erotik im letzten Satz? Oder bin ich – ganz Mann – in Verwirrung der Sinne geraten? Ich beschließe, verwirrt zu sein und eile durch die Kirchenbänke, die leer sind.

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Ist das der rechte Ort um MEINE STIMME, besser gesagt, das Mädchen hinter meiner Stimme kennen zu lernen? Ich beschließe NEIN und eile schnell durch das Gotteshaus, hinaus!

Und da steht sie dann! Mit einem Lächeln und etwas durchgefroren: love at first sight!

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In einem nahen Café lernen wir uns kennen und lieben. Umgeben vom Kollektiv, das kollektiv ebenfalls in seine Stimmen verliebt ist, verbringen wir Stunde um Stunde… Kaffee um Kaffee… Ich gebe meine Telefonnummer her… Ich verabschiede mich trunken… Und ich warte… warte… warte…

Auf deinen Anruf, VALERIE!!!

PS: Lucas, dein Anruf wird auch sehnlichst erwartet! Beweg dich, sonst bewegen wir uns! 

spleen*GRÖSSE

Menschliche Größe ist eine Frage des Anlaufs!
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Energie sammeln, Einatmen, Anlauf nehmen
und in die Höhe springen.
Hoch, höher am höchsten. 
Nur der Himmel oder die Deckenbeleuchtung setzen das Limit. 
Augenblick, verweile doch! Du bist so schön! Und schnapp ist es vorbei! 
Fallen, Stürzen, Aufkommen, wieder am Boden sein.
Wahre Größe währt nur einen Momentaugenblick
und muss wieder und wieder ersprungen werden.
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Das ist eine der klugen Lehren des spleen*trieb Projektes gross &KLEIN.
Wir sind zu einem Vortanzen geladen. Durch Schweiß beschlagene Scheiben gaffen wir voyeuristisch und erhaschen Blicke auf die harte, gnadenlose Arbeit der Tanzausdruckschaffenden. Mehrfach wird uns versichert, die Künstler befinden sich noch in der Vorbereitungsphase und es gäbe noch gar nichts zu sehen. Dann geht es aber los. Musik, Tamtam und große Augen.
 Größe ist nicht nur eine Frage der Energie, lehrt uns die Performance, auch die eines kollektivistischen Verhaltens, was das Internationale TheaterTouristische KünstlerKollektiv Spleen*2014 hoch erfreut.  
Gemeinsam eben ertanzt sich Größe leichter und größer. Logisch.
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Mit dem potenzierten Willen zur Größe erschafft das Tanzkollektiv kollektiv phänomenale Darbietungsleistungen. Es ertanzt Naturkastastrophen, Welten-Persönlichkeiten von Gandhi über Martin Luther King bis zuJesus und das Drama von Einzelschicksalen wie Blitzschlag oder Schlüsselverlust. 
Der Zuschauer wird fast erschlagen von so viel Größe. 
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Doch bevor dieser sich angesichts seiner Winzigkeit in ein Mäuseloch verzieht, vollzieht das Tanzkollektiv den Perspektivwechsel und schrumpft zu skurilen Formenwesen, die noch auf der untersten Stufe der Evolution ihre Lebenszeit dem Kampf gegen die Schwerkraft bzw. ihrer Überwindung widmen müssen. Der Kampf um das Fortbewegen an sich lässt ihnen keine Sekunde an Größe überhaupt zu denken.
Blablabla,
um es auf den Punkt zu bringen: 
das ganze Größengetanze war hauptsächlich
SAULUSTIG!

 

Alexander Iljitsch Besymenski

( i.V. des ITTKKS*2014)